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KUNST Wer war Tadeusz Kantor? Eine Spurensuche …

von Bettina Krogemann

 

Porträtfoto Tandeusz Kantor, 1968. Fotograf: Andrzej Kobos, Quelle: Wiki Commons, public domain. 

Fast jeder kennt die Maler aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die man mit der Abstraktion, sei sie ruhig oder planmäßig geometrisch, lyrisch oder extrem expressiv, verbindet. Rothko, Pollock, Newman, Kline sind überall klingende Namen. Und sie sind so teuer auf dem Kunstmarkt! Doch wer kennt die zeitgleichen Vertreter aus den ehemals sozialistischen Ländern, die hart im Untergrund arbeiten mußten, deren Kunst vom staatstragenden Sozialistischen Realismus überschattet war? Zum Beispiel Kunst aus der Volksrepublik Polen. Zum Beispiel die Malerei von Tadeusz Kantor.

 

Gerade wurden in München bei Quittenbaum Kunstauktionen zwei Gemälde von Tadeusz Kantor für Preise versteigert, die es bisher in Deutschland noch nicht gegeben hatte (Quelle: Art Net). Es waren zwei kleinformatige Abstraktionen aus dem Jahr 1964, die den Interessenten jeweils über 20.000 Euro wert waren. Die Käufer saßen in Polen, denn dort ist Kantor ein klingender Name. Kantor war vielseitig, als Maler und Kunsttheoretiker, Regisseur und Bühnenbildner, Schriftsteller und Schauspieler war er aktiv. Schon 2015 feierte Polen das Kantor-Jahr: Dort ist es Tradition, daß die Semja-Abgeordneten alljährlich darüber abstimmen, welcher herausragenden Persönlichkeit ihres Landes das nächste Jahr gewidmet wird. Zur Wahl standen für das Jahr 2015 Papst Johannes Paul II, der Geschichtswissenschaftler Jan Dlugosz und Tadeusz Kantor, auf den die Wahl mit großer Mehrheit fiel.

 

Tadeusz Kantor, Ohne Titel, 1964. Öl/Leinwand, 38 x 46 cm. Hammerpreis (ohne Aufgeld) 21.000 Euro bei Quittenbaum Kunstauktionen München. Mit freundlicher Genehmigung des Auktionshaus.

 

Tadeuzs Kantor kam 1915 als Sohn einer Katholikin und eines Juden in der südpolnischen Gemeinde Wielopole zur Welt. Sein Studium absolvierte er von 1934 bis 1939 an der Akademie der Schönen Künste in Krakau. Während des Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Maler und Anstreicher, dazu inszenierte er erste Theaterstücke, zum Beispiel Jean Cocteaus „Orpheus“. Der große Rahmen fehlte jedoch, denn die Vorstellungen mußten in Privatwohnungen stattfinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es ihm zunächst nur zeitweilig besser: War er 1948 als Professor an die Krakauer  Kunstakademie berufen worden, so enthob ihn die Obrigkeit schon ein Jahr später des Amtes, da seine Kunst nicht der Ästhetik des Sozialistischen Realismus entsprach. Kantor konzentrierte sich fortan stark auf die Bühne, auf das Sprechtheater, und wurde zu einem Hauptvertreter des absurden Theaters. Seine Theaterarbeit strahlte weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus.

Gleiches gilt trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen für Kantors Werke der bildenden Kunst, für seine Gemälde. Stark inspiriert vom Konstruktivismus und der Kunst des Informel mit Seitenblicken auf den Dadaismus und den Surrealismus nahm Kantor im Jahr 1959 erstmals an der documenta in Kassel teil und konnte sich dort einem internationalen Publikum präsentieren. 1977 war er abermals auf der documenta vertreten. Als reifer Maler schuf er starke abstrakte Kompositionen, Figuratives behielt er bei. Seine besonders gefragten abstrakten Werke haben meist eine melodische Struktur, mal beherrscht ein fließendes Adagio die Stimmung, mal reißt ein munteres Stakkato die Formen enorm auf. Mit Farbe ging Kantor um wie ein Bildhauer mit dem Plastilin. Er benutzte sie nicht nur in der Fläche, sondern baute aus ihr Reliefs, deren Körper sich in den Rhythmus der Komposition fügen. Als Kunsttheoretiker war er, sicher seiner Weltsicht und seiner Arbeit an der Darstellung des Absurden, damit des Existentiellen geschuldet, sehr humorvoll. „Meine Damen und Herren: Die Abstraktion ist das einzige Abführmittel für diese unreine Natur der Materie“, so sein Impuls. Krakau hat Kantor ein Museum mit Dokumentationszentrum gewidmet. Es trägt den Namen „Cricoteka“, der sich ableitet von „Cricot 2“, der avantgardistischen Theatergruppe, die Kantor 1955 ins Leben gerufen hat.