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KUNST Meet Me In Heaven: Die zweite Ausgabe von Schloss Tüssling Projects

von Bettina Krogemann

 

Von links nach rechts: Andrea Stappert (Künstlerin), Philipp Bollmann (Kurator), Gastgeberin  und Initiatorin Stephanie Gräfin von Pfuel, David Nicholson (Künstler) und Nasan Tur (Künstler) vor Schloss Tüssling während der Preview am 3. Juni 2017. Foto: Courtesy of Schloss Tüssling Projects.

 

Die zweite Ausstellung von Schloss Tüssling Projects zeigt internationale Contemporary Art zum Thema Leben, Vergänglichkeit, Tod, Täuschung und Wahrheit. Die Kunstsammlerin und Mäzenin Stephanie Gräfin von Pfuel hat in Zusammenarbeit mit dem Berliner Kurator Philipp Bollmann eine eindrucksvolle Ausstellung mit Arbeiten bedeutender zeitgenössischer Künstler organisiert, deren Titel auf das lyrische Neon von Tracey Enim zurückgeht, das gerade in Tüssling zu sehen ist. Die großzügigen Räume von Schloss Tüssling, erbaut in der Epoche der deutschen Renaissance, bieten eine konzentrierte Bühne für sehr bedachtsam und sensibel ausgesuchte Arbeiten von insgesamt zwölf Künstlern.

 

Man denkt an "De Brevitate Vitae", einen fast zweitausend Jahre alten, dennoch hoch aktuellen Text, wenn man die Arbeit „The remaining Life of Nasan Tur“ aus dem Jahr 2013 von Nasan Tur anschaut. Es ist eine Bodeninstallation mit einem elektronischen Display, das eine zehnstellige Zahl zeigt. Ist das die verbleibende Lebenszeit des Künstlers? Anders als Senecas Zeitgenossen, die der römische Stoiker als der extremen Zerstreuung sich hingebenden Verschwender ihrer eigenen Zeit beschreibt, nutzt Hasan Tur seine Stunden für die Konzeption und Realisierung von inhaltsstarken Kunstwerken, die menschliche, allzumenschliche Fragen aufwerfen. Ergreifend und berührend ist sein Video „First Shot“, entstanden im Jahr 2014. Eine Reihe von Menschen schießt - einer nach dem anderen als Protagonist - mit einer Handfeuerwaffe. Lange hadert ein jeder von ihnen mit der wohl sehr ungewohnten Situation. Es kostet sichtlich viel Überwindung. Dann fällt schließlich jedes Mal der laute Schuss.  Gezielt wird auf den Betrachter des Videos. Dem schießen assoziativ dann die Gedanken durch seinen Kopf:  Sind wir alle fähig zu schießen? In welcher Situation würden wir es tun? Könnten wir das Leben eines anderen Menschen auslöschen? Es sind existentielle Fragen, die die Betrachter von „First Shot“ beschäftigen.

 

Philipp Bollmann  während der Preview vor "Two Executed Lovers" von Tim Noble & Sue Webster.

Installationsansicht in Schloss Tüssling. Foto: Courtesy of Schloss Tüssling Projects.

 

 

Arbeiten von Michael Müller und David Nicholson thematisieren das Thema Vergänglichkeit und sind mit installierten oder gemalten Vanitas-Motiven in der Ausstellung vertreten. Müllers Arbeit heißt „Beziehungen“ und stammt aus dem Jahr 2010/13. Eine Vase mit einem nicht ganz frischen Blumenstrauß steht auf einem hohen schlanken Sockel und wird von einem Spiegel hinterfangen, der den Verfall der Sommerblumen kommentarlos und nüchtern reflektiert. Vergänglichkeit der Materie, Zeit als Thema des Lebens. Zur Installation gehört eine „Shopping List“, doch jeder weiß, Zeit können wir nicht kaufen und um noch einmal mit Seneca zu sprechen, sie ist das höchste und wertvollste Gut des Menschen überhaupt. Gegenüber hängt ein kleines naturalistisches Stillleben des kanadischen Malers David Nicholson mit dem Titel „Blue Tit“ zu Deutsch "Blaumeise". 2016 ist es ist in der Manier der altmeisterlichen Feinmalerei gestaltet worden und erinnert an die Jagdstillleben aus dem 18. Jahrhundert. Allerdings malten die Künstler in der historischen Epoche meist Stillleben aus üppigem Wildgeflügel. Warum die kleine Blaumeise sterben mußte, fragt man sich bei ihrem Anblick.

 

Jung gestorben ist der Großmeister der deutschen Nachkriegskunst Martin Kippenberger. Im März 2017 waren es genau zwanzig Jahre her. Von Andrea Stappert, die sich seit dem Ende ihres Studiums der Malerei bei Sigmar Polke auf das fotografische Porträt von Künstlerkollegen konzentriert, hängt ein Konterfei von Kippenberger in Tüssling. Es zeigt den jungen, großen Allroundkünstler ganz typisch. Die Beziehung zwischen Stappert und Kippenberger war eng und fruchtbar: Es war Kippenberger der Stappert maßgeblich zu ihrer heutigen Arbeit inspirierte und ihr als erster Künstler "Modell stand", wie man so schön sagt.

 

Illusion, Substanz und Wahrheit oder Täuschung? Auch dies sind große Themen der Kunstgeschichte und natürlich der Menschheit an sich. Seit der Antike wird den Phänomenen dieses Themenspektrums in Literatur, Philosophie und Kunst nachgegangen. Das britische Künstlerduo Tim Noble und Sue Webster erzählen mit ihrer Arbeit „Two Executed Lovers“ (2009) von der Illusion, der wir alle so gerne erliegen, und legen für den Betrachter gleichzeitig die Substanz, die Wahrheit frei. Ihre Installation umgibt ein dunkler Raum. In ihm stehen zwei Steelen mit kopfgroßen Gebilden aus Abfall darauf. Werden sie aus einem bestimmten Winkel angeleuchtet, so fallen zwei Schatten auf die gegenüberliegende Wand, die die Umrisse zwei einander zugewandter Köpfe bilden. Wir erinnern uns an das Höhlengleichnis?

 

 

 

Die Ausstellung MEET ME IN HEAVEN verfolgt ihre Leitgedanken äußerst konsequent. In Tüssling ist eine gut limitierte Auswahl sehr starker Arbeiten und künstlerischer Positionen zum Thema präsent. Ein Besuch ist äußerst lohnenswert (Laufzeit bis 18. Juni 2017, Voranmeldung empfohlen).

Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite  www.stprojects.de