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DESIGN: Ausstellung ‚BIKES! Das Fahrrad neu erfinden‘ im GRASSI MUSEUM für Angewandte Kunst Leipzig

von Bettina Krogemann

 

Ausstellungsansicht 'BIKES! Das Fahrrad neu erfinden' im GRASSI MUSEUM Leipzig.

Foto: © Karola Bauer, Courtesy: GRASSI MUSEUM.

 

Das Fahrrad hat gerade Hochkonjunktur. Es ist Sommer. Die Natur ruft, der Biergarten, das Grillfest, die Auen, die Seen, die Strände. In der City wie auf dem Land ist das Fahrrad gerade jetzt eines der beliebtesten Verkehrsmittel, um sich fortzubewegen, dies an frischer Luft und mit eigener Muskelkraft. Aber nicht nur in den Sommermonaten, sondern generell ist das Fahrrad das schnellste, umweltfreundlichste, energiesparendste und günstigste Verkehrsmittel für innerstädtische Kurzstrecken. Das Fahrrad wird schon heute für viele Zwecke genutzt, an die man vor wenigen Jahren nicht einmal gedacht hatte. So hat längst jede deutsche Großstadt die mietbaren Fahrräder-on-Demand. Städtereisende oder die Städter selbst nutzen oftmals lieber ein Leihfahrrad statt Taxi oder Bus und treten selbst in die Pedale, um an ihr Ziel zu kommen, eine Sightseeingtour oder einen Ausflug zu machen. Auch die vielen Fahrrad-Lieferservices, die ihren Kunden binnen 30 Minuten ihr Lieblingsessen an die Wohnungstüre bringen, sind aus unserem Stadtbild kaum noch wegzudenken. Das Fahrrad hat auffallend nervenschonende Aspekte. Mit ihm steht man nicht im Stau, sondern kann diesen durch allerlei kleine Wege oder besondere Fahrrad-Strecken geschmeidig umgehen. Fahrradfahrer sind nicht nur körperlich aktiv, sie müssen zudem viele Dinge gleichzeitig bewerkstelligen, umsichtig sein, schnell reagieren, denn kleine Hindernisse und Gefahren lauern überall. Die starke Präsenz des Fahrrads im aktuellen Stadtbild mag für eine Neubewertung des Pedalierens stehen. Wird es Teil eines verkehrstechnischen und damit urbanistischen Konzepts? Wird es zum wichtigsten Fortbewegungsmittel in unseren Städten? Fragen, die die Zukunft beantworten wird.

 

Das GRASSI MUSEUM präsentiert in seiner Ausstellung 'BIKES - Das Fahrrad neu erfinden' mehr als 60 Fahrradtypen, die in den letzten zehn Jahren in Europa und in Übersee entwickelt wurden. Es sind Räder, die auf eine urbane Nutzung und die städtische Fahrradinfrastruktur hin konzipiert wurden. Technische Innovationen, internationale Material- und Feldforschungen haben zu einem großen Wandel dieses zweirädrigen, einspurigen Landfahrzeugs geführt. Nehmen wir das Klapprad, bekannt seit den 1970er-Jahren. Damals war es vom Gewicht her schwer und ohne Handwerkszeug und Kraftaufwand kaum zu zerlegen oder zu montieren. Das sind Tempi passati, denn gerade in puncto Klapprad hat sich der Standard grundlegend geändert. Das Zusammenfalten oder Aufbauen eines Klapprads kostet heute wenig Zeit und kann mit ein paar Handgriffen erledigt werden. Aber nicht nur das. Oftmals ist das Klapprad mit komfortablen Add-ons ausgestattet, beispielsweise mit einem selbstaufladenden Motor. Das Klapprad wird in unseren Tagen als ideales ergänzendes Verkehrsmittel von Pendlern und Kurzstreckenfahrern genutzt, denn zusammengefaltet hat es in der Bahn, der Wohnung oder im Büro in jeder kleinen Ecke genügend Platz.

 

Auch das visionäre Interfacedesign hat bei der Entwicklung neuartiger Fahrräder sein Terrain gefunden. Da ist das Fahrrad ‚JACOB' von Schindelhauer. Der edelweiße urbane Singlespeeder ist mit dem neuen, patentierten Smart Bike System von COBI ausgestattet, das viele nützliche und praktische Tools aus dem Smart-Phone bietet und als eine Art Fahrrad-Computer mit rund 100 Funktionen eingesetzt werden kann.

 

Der innerstädtische Transport wird seit Jahren mehr und mehr auf Fahrräder verlagert. Morgendlich radeln die Eltern ihren Nachwuchs zum Kindergarten oder zur Schule, große Einkäufe oder Kleinmöbel werden per Rad befördert. Als ein prämiertes Beispiel für ein Lastenrad mag ‚Load‘ des deutschen Unternehmens Riese & Müller genannt sein, das 2013 sogar mit dem 'product design award' ausgezeichnet wurde. ‚Load‘ kann vom Volumen her wie der Kofferraum oder der Rücksitz eines PKW beladen werden. Durch seinen tiefen Lastenschwerpunkt und den steifen Gitterrohrrahmen ist es spielend handhabbar, dank der Vollfederung wird der kleine Nachwuchs oder das kostbare Gut sicher geschützt zum nahen Ziel geradelt.

Die Ausstellung im GRASSI MUSSEUM für Angewandte Kunst Leipzig deckt noch eine weitere interessante Ebene aus dem Bereich der Ästhetik auf und verweist auf die Individualisierung und Kultivierung des Fahrradfahrens. Mittel dafür sind Gestaltungsarten, die das Rad zu einem Medium künstlerischer Auseinandersetzung machen. Dafür steht das bislang als Unique Piece von Velocipedo gefertigte Fahrrad ‚Road Movie‘ mit einer Bemalung des in Giebichenstein lebenden Malers Wasja Götze.

 

 

Zur Ausstellung, die noch bis zum 1. Oktober 2017 zu sehen ist, gibt es ein familienfreundliches Rahmenprogramm und die Buchpublikation 'BIKES! Das Fahrad neu erfinden', die im Hirmer Verlag München erschienen ist.

Weitere Informationen www.grassimuseum.de

 

 

 

 

 

 

BIKES! Das Fahrrad neu erfinden

Hg. Olaf Thormann, GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig.  Beiträge von S. Epple, G. Fehlau, J. Ghebrezgiabiher, 

S. Rammler.  192 Seiten, 161 Abbildungen in Farbe. 

29 × 22 cm, gebunden. Hirmer Verlag München. 

ISBN: 978-3-7774-2747-8

Preis 29,90 €

Buchcover: © & Courtesy Hirmer Verlag, München.