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BALLETT: 'Mythos Coco - Das Leben der Coco Chanel' am 9. & 10. August 2017 im Deutschen Theater in München

von Bettina Krogemann

 

Szene aus 'Mythos Coco'. Anna Yanchuk und Josef Vesely.

Foto © & Courtesy: Christina Canaval & Salzburger Landestheater.

 

Gerade sind Theaterferien. Die Bühnen werden generalüberholt, die Ensembles genießen für gewöhnlich ihre Erholungszeit. Aber nicht alle. Am 9. und 10. August tanzt die von Peter Breuer geleitete Ballettcompagnie des Salzburger Landestheater in München. Das zweistündige, surreale Handlungsballett 'Mythos Coco' wurde von Breuer in Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Maren Zimmermann 2016 am Salzburger Landestheater uraufgeführt und ist nun erstmals in München zu sehen. Veranstalter ist das DEUTSCHE THEATER, München.

 

 

Es gab wohl keine andere Modeschöpferin im 20. Jahrhundert, um die sich bis zum heutigen Tag soviel Legenden rankten wie um Coco Chanel. Bekannt ist, daß sie ihrer Zeit weit voraus war und der von ihr entwickelte, schlichte, farbreduzierte Garcon-Stil einer Revolution in der Welt der Damenmode gleichkam. Coco Chanel war es, die die Frauen von dem engen, einschnürenden Korsett befreite und die Kleider selbst von den Schleifen, Volants und allerlei dekorativen Details, die der Bewegung der Trägerin doch nur hinderlich gewesen waren. Freiheit war für Chanel das Zauberwort. Mit ihrem eigenen androgynen Auftritt machte sie Hosen für Frauen salonfähig, die Kurzhaarfrisur ebenso. Das sogenannte ‚Kleine Schwarze‘, das gerade geschnittene, knielange Kleid wurde durch sie zur parkettsicheren Uniform aller Frauen mit Geschmack. Die Lebensgeschichte der Coco Chanel ist die einer modernen, selbständigen Frau, die unbeirrbar ihren sicher nicht einfachen Weg ging. ‚Schon als Kind war ich ein Rebell, in der Liebe ein Rebell, ein Rebell auch in der Modebranche – ein echter Luzifer. Ja, der Stolz erklärt mein störrisches Naturell, mein zigeunerhaftes Bedürfnis nach Unabhängigkeit, auch meine Ungeselligkeit‘, schrieb sie nicht ohne Selbstkritik in persona über sich.  

 

 

Szene aus 'Mythos Coco'. Liliyan Markina und Ensemble.

Foto © & Courtesy: Christina Canaval & Salzburger Landestheater.

 

In ‚Mythos Coco‘ geht Peter Breuer den ‚inneren Erlebnissen‘ seiner Protagonistin Coco Chanel nach. Dafür stellt er die prägenden Beziehungen der Modeschöpferin in den Fokus des Handlungsstranges: Da ist das Verhältnis zu ihrem Vater, ihre Freundschaft und enge Verbundenheit mit der Pianistin und Kunstmäzenin Misia Sert. Da sind ihre Beziehungen zu Männern. Wer waren Chanels Weggefährten, ihre engsten Freunde und Vertraute und wie erging es der großen Modeschöpferin in ihrem Leben sind die Themen, um die das Tanzereignis herum aufgebaut ist?

 

 

Szene aus 'Mythos Coco'. Anna Yanchuk und und Cristina Uta. 

Foto © & Courtesy: Christina Canaval & Salzburger Landestheater.

 

Die Gründerin des international operierenden Modeimperiums Chanel kam aus armen und unglücklichen Familienverhältnissen. Mit viel Geschick und hoher gestalterischer Begabung, mit Kraft, Ehrgeiz, harter Arbeit und einigen wichtigen menschlichen Verbindungen konnte sie aus dem Schatten ihrer Herkunft heraustreten. Ihre Mutter starb früh, ihr Vater steckte sie in ein Waisenhaus und verschwand für immer aus ihrem Leben, was sie zeitlebens nicht vergessen konnte. Schon als junges Mädchen übernahm sie Näharbeiten und versuchte sich singend in einem Varieté, was ihre Berufung aber nicht war. 1910 lernte sie ihre große Liebe, den aus einer vermögenden Unternehmerfamilie stammenden Polospieler Arthur ‚Boy‘ Capel kennen, der nicht nur ihr Geliebter und Lebensgefährte wurde, sondern ihr mit Krediten außerdem den Schritt in die Selbständigkeit ermöglichte. Mit seinem Darlehen konnte die junge Chanel ihr erstes Hutgeschäft in Paris eröffnen, ihre eigenen Kollektionen lancieren und die ersten Freizeitkleider für Frauen entwerfen und fertigen lassen. Coco Chanels Aufstieg war steil und ebenso rasant. Obwohl Arthur ‚Boy‘ Capel ihr erlegen war, heiratete er andere Frau. Im Jahr 1919 kam er bei einem Autounfall ums Leben – ein extrem schwerer Schicksalsschlag für Coco Chanel. Aufgefangen wurde sie nach Capels Tod von der Pianistin und Kunstmäzenin Misia Sert, die sie in die Pariser Bohèmien-Szene einführte. So wurden der Schriftsteller und Maler Jean Cocteau, der Tänzer Serhij Mychajlowytsch Lyfar, der Surrealist Salvador Dalí, der Schauspieler und Bildhauer Jean Marais und der Komponist Igor Strawinsky Weggefährten, Freunde oder Liebhaber der Chanel, mitunter auch ihre Kunden. Zu den erfolgreichsten Pariser Ebenisten und Entwerfern des Art Déco zählte Paul Iribe, mit dem Coco Chanel zu Beginn der 1930er-Jahre über vier Jahre liiert war. Sie wollten heiraten, aber er verstarb noch vor ihrer Trauung an Herzversagen – ein erneuter Schicksalsschlag in ihrem Leben. Eine letzte pikante wie Aufsehen erregende zehnjährige Liebschaft begann Coco Chanel 1940 mit Hans Günther von Dincklage, dem in Paris tätigen deutschen Sonderbeauftragten des Reichspropagandaministeriums und Meisterspion der deutschen Abwehr. In späten Jahren war ihr kein privates Glück mehr vergönnt und sie starb einsam in Paris.   

 

 

Szenen aus 'Mythos Coco'. Ensemble.

Fotos © & Courtesy: Christina Canaval & Salzburger Landestheater.

 

Die Choreographie und Dramaturgie von ‚Mythos Coco‘ unterscheidet ‚drei‘ Coco Chanels:  Da ist Coco als Kind, ihr folgt die junge, aufstrebende unbeschwerte Coco, die sie bis zu dem Tod ihrer großen Liebe Arthur ‚Boy‘ Capel im Jahr 1919 war. Dann beginnt das Leben der Coco Chanel, das schließlich mit ihrem Tod 1971 in Paris endete. Zu den tänzerischen Höhepunkten zählen das Solo der Coco Chanel, fünf große Pas de deux und der Künstlerball. In beiden Münchner Aufführungen tanzt Liliyan Markina  die Coco als Kind, Anna Yanchuk die erwachsene und reife Coco Chanel. Josef Vesely verkörpert sowohl ihren Vater als auch ihren Liebhaber Igor Strawinsky, Marian Meszaros tritt als Arthur ‚Boy‘ Capel und als Paul Iribe auf. Chanels Weggefährtin und Freundin Misia Sert ist mit Cristina Uta, Günther von Dincklage mit Alexander Korobko besetzt. Wer Fan der Chanel-Mode ist, dem werden die Kostüme von Bruno Schwengl ganz besonders gefallen. Komposition und Musikarrangement stammen von Eduardo Boechat mit Musik von Josephine Baker, George Gershwin, Juliette Greco, Eric Satie, Dimitri Schostakowitsch, Alexander Scriabin und Igor Strawinsky u.a.