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KUNST: Ausstellung 'Behind Mount Qaf' - CANAN im 'Arter' in Istanbul

 

Der 12. September ist Auftakt für die Solo-Schau ‚CANAN - Behind Mount Qaf‘, die im ‚Arter – space for art‘ in Istanbul zu sehen sein wird. Gezeigt werden neue Arbeiten der Künstlerin CANAN und solche, die ab den späten 1990-er Jahren entstanden, doch bislang noch nicht öffentlich gezeigt wurden. Am 13. September öffnet außerdem die 12. Ausgabe der Messe ‚Contemporary Istanbul‘ (CI) mit ihrer Preview die Pforten für geladene Gäste (Laufzeit bis 17.9.). An der CI nehmen die wichtigsten Galerien der Türkei teil. Auch deutsche Kollegen wie Bernheimer Contemporary und Magic Bean, beide aus Berlin, stellen auf der Messe aus. Gründe, trotz der politischen Situation an den Bosporus zu reisen um zeitgenössische Kunst zu sehen?

 

 ‚Arter – space for Art‘ ist ein dreigeschossiges Ausstellungszentrum, das im Jahr 2010 im Herzen von Beyoğlu (Istanbul) eröffnet wurde. Finanziert wird ‚Arter‘ von der Vehbi Koç Foundation (VKF), die auch Initiator dieses großen Projektraums ist. Die VKF, bereits im Jahr 1969 gegründet, trägt seit jeher viel zur lebendigen und überaus sehenswerten aktuellen Kunstszene in Istanbul bei und engagiert sich zudem auf den Gebieten Bildung und Forschung, Gesundheit und Kultur. Dazu war sie Hauptsponsor der letzten fünf Biennalen am Ort. Zu den Projekten der Stiftung gehören außerdem private Museen wie das 1980 gegründete Sadberk Hanim Museum, der von 2008 bis 2013 von René Block geleitete Projektraum ‚TANAS‘ in Berlin und eben ‚Arter– a space for art‘. Ferner besitzt die VKF seit 2007 eine institutionelle Kollektion zeitgenössischer Kunst, die maßgeblich durch das Engagement von Ömer Koç getragen ist, der selbst zu den wichtigsten und kenntnisreichsten Kunstsammlern seines Landes zählt. Die von ihm initiierte Sammlung der Stiftung ist als Grundstock für ein Contemporary Art Museum in Istanbul gedacht, das in naher Zukunft vollendet wird. Seit 2015 wird an ihm in Dolapdere, einem Teil des zentralen Beyoğlu District in Istanbul, nach Plänen des Londoner Architekturbüros Grimshaw Architects gebaut. Im Herbst 2018 soll das Museum eröffnet werden.  

 

Doch zurück zur Ausstellung und zur Künstlerin CANAN. Werke von ihr waren bereits 2013 in einer Gruppenausstellung in ‚Arter‘ zu sehen, nun bespielt sie in der von Nazlı Gürlek kuratierten Ausstellung ‚Behind Mount Qaf‘ das komplette Kunstzentrum mit ihren Arbeiten, darunter Videos und Photographien, Skulpturen und großformatige Installationen, Druckgraphiken und Miniaturen. Der Ausstellungstitel zitiert den Berg ‚Qaf‘ aus der persischen Mythologie, hinter dessen Bergrücken laut Überlieferung das unendliche Nichts beginnen soll. Sieht man den leeren Ausstellungsraum als das Nichts, so wird dieser nun von der Künstlerin mit starken Inhalten gefüllt. Es sind Begriffe und Ideen, die aus der triadischen Jenseitslehre des katholischen Glaubens stammen, die CANANs Ausstellungschoreographie bestimmen: Vom Himmel wird im Parterre, vom Fegefeuer im ersten, von der Hölle im zweiten Geschoß erzählt. Es sei angemerkt, das es für den Himmel und die Hölle auch Entsprechungen im islamischen Glauben gibt. Im Parterre, dem paradiesischen Himmelsraum, haben sich aus farbigen Stoffen gestaltete, mit Pailletten bestickte Fabel- und Phantasiewesen niedergelassen, die schon von der Straße aus durch die große Glasfront von ‚Arter‘ gesehen werden können und entsprechend ihre Wirkung im öffentlichen Raum hinterlassen. Diese himmlischen Wesen begleitet eine neue Video-Arbeit von CANAN Şenol mit dem Titel ‚Women Bathing in Moonlight‘ aus dem Jahr 2017 mit einer geheimnisvollen, archaisch anmutenden Szenerie in einer Länge von über 4 Minuten. Gedreht wurde sie nächtens bei Vollmond auf der größten der Prinzeninseln im Marmarameer bei Istanbul namens Burgazada. Wie es der Titel schon andeutet, sind die Protagonisten junge Frauen in sommerlichen Gewändern mit Blumen in den Haaren. Sie befinden sich auf dem Gipfel einer Anhöhe. Dort versammelt, heulen sie wie Wölfe den Vollmond an, wenig später schreiten sie mit beschwingtem Gelächter an die Küste und baden im Meer. Die beiden darüber liegenden Geschosse von ‚Arter‘ sind dem Fegefeuer und der Hölle gewidmet. Hier dominieren große, bewegte Installationen die Räume, das Abbild des Menschen verschwindet zusehends aus den Darstellungen, an seine Stelle treten mehr und mehr Dämonen.

 

CANAN, die 1970 in Istanbul geboren wurde, dort aufwuchs und heute ebendort lebt, arbeitet nicht immer im Kanon christlicher Glaubenslehre, nutzt nicht immer Mythen oder archaische Muster für ihre Kunst, die zu Ausdrucksformen gehören, die einer besonderen Lesart bedürfen. Sie zählt zu den politisch reflektierenden, feministischen Künstlerinnen ihres Landes und stets bot ihr das Leben selbst, die Realität, in der sie lebt, die größten Anreize für ihre Arbeiten. Diese können auch einen sehr direkten Ton anschlagen. Dafür mag auf eine andere, sehr berühmte Installation aus dem Jahr 1998 verwiesen werden, die ebenfalls in dieser Ausstellung zu sehen ist. Sie trägt den Titel ‚The Transparent Police Station‘. In ihr greift CANAN das Thema Gewalt, Folter und Mißhandlung in Gefängnissen vor der Folie türkischer Rechtsgrundsätze auf. Sie stellt dar, wie Polizei und Justiz die Gesetze, die Menschen schützen sollen, in der Praxis anwenden, beziehungsweise, wie sie sie umgehen und ignorieren. Auch dieses Thema hat mit dem realen Leben der Künstlerin zu tun. CANAN wurde als Teenagerin in ihrer Heimat selbst zwei Mal in Haft genommen. In ‚The Transparent Police Station‘ geht sie auf das Schicksal einer Gruppe von jungen Menschen ein, die wegen ihrer Graffiti-Kunst verhaftet wurde und im Gefängnis sexuellen, physischen und psychologischen Mißhandlungen ausgesetzt war. Oftmals bezieht die Künstlerin in Arbeiten ihren eigenen Körper mit ein. So mag der Betrachter sie in ‚The Transparent Police Station‘ als Peinigerin der Gefängnisinsassen wiedererkennen oder als nacktes, kauerndes und leidendes Opfer infolge der Folterungen. Es ist jedesmal die Künstlerin selbst, eingesetzt wie ein Dummy. Die Reaktionen auf ‚The Transparent Police Station‘ dürfen wohl mit Spannung erwartet werden, denn diese Skulptur spricht eine sehr brisante Thematik an, auch wenn die Arbeit bereits historisch ist. Das Thema ‚Türkische Gefängnisse‘ ist berechtigterweise ein Dauerthema in den internationalen Medien, genauso so wie das im April durch die Wähler entschiedene Verfassungsreferendum der Türkei.

 

INFO:

‚Canan: Behind Mount Qaf‘, 12. September – 24. Dezember 2017

 ‚ARTER – Space for Art‘

Kuratorin: Nazlı Gürlek

Zur Ausstellung erscheint eine Buchpublikation.

Anschrift: Tomtom Mahallesi, İstiklal Cad. No:211, 34433 Beyoğlu/Istanbul, Türkei

Öffnungszeiten: Die-Do von 11.00 bis 19.00 Uhr, Fr-So von 12.00-20.00 Uhr

Webseite: http://www.arter.org.tr/W3/