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KUNST: Tobias Zielony ‚Haus der Jugend‘ in der Von der Heydt-Kunsthalle in Wuppertal

 

2015 zählte der 1973 in Wuppertal geborene Tobias Zielony zu den fünf Künstlern, die im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen waren. Der Fotograf und Filmemacher Zielony findet seine Sujets im realen Leben. Sein Hauptaugenmerk gilt jungen Menschen, ihrer Kultur, ihren Lebensverhältnissen, so auch in den Arbeiten der Ausstellung ‚Haus der Jugend‘, die am 10. September eröffnet. Eine kleine Vorschau …

 

Die Jugend zieht in eine etablierte Kunsthalle ein – das tut gut. Sie trägt Subkultur, Off-Kultur, Off-Ästhetik, Queer-Szene anstatt Bewährtes oder den üblichen parkettsicheren Rahmen in die Öffentlichkeit und holt Themen hervor, die von der dem Mainstream folgenden Medienlandschaft kaum oder wenig beachtet werden. Zielony begibt sich für seine Arbeit selbst in das Terrain gesellschaftlicher Randerscheinungen der Jugendkultur, die nicht unbedingt ‚promising‘ im Sinne von Erfolg, Reichtum, Reputation sind. Sie sind besonders. Eigene Gesetze und Rollen, eigene Dynamiken prägen sie. Es macht Sinn, ihr Leben in Form von Kunst oder dokumentarischer Bestandsaufnahme durch den Blick eines Fotografen in eine Ausstellungshalle zu bringen, weil so eine wichtige Diskussion ihren Lauf nehmen kann. Kann, nicht muss. Das hängt vom Interesse der Öffentlichkeit ab.

 

Zielony füllt das 'Haus der Jugend' mit Fotografien von 'Momenten', mal bewegter, mal ruhiger Situationen im Leben junger Menschen. Diese stammen prima vista aus den eher macht- und mittellosen Gesellschaftsschichten und leben in strukturschwachen Regionen. Seine Jugendlichen sind gutaussehend im Sinne von ausdrucksstark. Sie bewegen sich in ihren eigenen Räumen und Fluchten, die ihnen den Platz geben, eine eigene Lebensart zu etablieren. Wo das sein kann? An einem Stadtrand von Bristol, in Plattenbausiedlungen in Halle und Chemnitz und in anderen unbeliebten Outskirts. An solchen Orten entstehen, unabhängig davon, in welchem Land sie sein mögen, nicht selten Subkulturen als wichtige und prägende Gesinnungsgemeinschaften, die jungen Menschen eine Art soziale Verortung außerhalb der gesellschaftlichen Normen geben können. Solche Menschen begleitete Zielony für die Arbeiten seiner Ausstellung ‚Haus der Jugend‘ mit seiner Kamera. Die Orte, an denen sie leben, in denen sie agieren, haben in den Fotografien von Zielony ihre eigene artistische Atmosphäre und wirken wie eine Bühne.

 

Zu den neuesten Arbeiten in der Wuppertaler Ausstellung gehören diejenigen aus der Serie ‚Maskirovka‘. Sie entstanden in den Jahren 2016 und 2017 in der Ukraine und treten dem Ausstellungsbesucher als Resultat von Zielonys Beschäftigung mit der Techno– und Queer-Szene in Kiew im Nachklang der Revolution von 2013 gegenüber. Die ‚Maskirovka‘-Fotografien sind stimmungsvoll und lyrisch und deuten auf eine gute Kenntnis der Szene und ein vertrautes Verhältnis des Fotografen zu den Konterfeiten hin: Da ist die Innenseite einer Hand mit Tätowierungen, die Aufschluß über den Menschen geben, dem sie gehört. Tätowierungen stehen für Ideen und Idole, Wünsche und Sehnsüchte auf der Haut, mit denen sich der Mensch, der sie trägt, sehr stark identifiziert. Sie sind für ihn so wichtig, dass er sie auf seiner Haut tragen möchte. Sie sind lesbar und können eine Geschichte erzählen, auch ohne Worte. Doch: Einfach zu entschlüsseln sind sie nicht. Jeglicher Form von Lesbarkeit gegenüber steht der Titel des neuen Zylus ‚Maskirovka‘, der allgemein soviel wie Maskierung, Verkleidung bedeutet. Heute ist ‚Maskirovka‘ außerdem ein feststehender Begriff aus der militärischen Fachliteratur. Mit ihm bezeichnet man die russische Tradition der verdeckten Kriegsführung mit militärischen Täuschungen und Handlungen, die mit der Absicht, den Gegner über die eigenen Aktionen im Unklaren zu lassen, geplant und ausgeführt werden. Konkret wird der Begriff für die aktuelle Ukraine-Politik seitens Russland verwandt. ‚Die jüngsten politischen Entwicklungen sowie die Einmischung der Russen in die inneren Angelegenheiten der Ukraine können als traurige Travestie gesehen werden, bei der alles möglich ist, aber nichts wirklich zu sein scheint‘ heißt es in der Pressemitteilung zur Ausstellung ‚Haus der Jugend‘. Doch spielt ‚Maskirovka‘ nicht nur eine realpolitische Rolle im Leben der ukrainischen Jugendlichen, sei es durch die politische Taktik Russlands, sei es durch die Präsenz von Gasmasken auf dem Maidan inmitten von Kiev oder durch den Einsatz vermummter Spezialeinheiten auf der Krim. ‚Maskirovka‘ hat auch in der Subkultur Erscheinungsformen: Maskierungen sind Kult in der großen ukrainischen Technoszene oder kommen als Fetisch in den Spielen um sexuelle Identitäten in der Queer-Szene vor.

 

Neben den Fotografien gibt es auch eine Stop-Motion-Animation mit Bildern zu sehen, die Zielony in der Ukraine aufgenommen hat. Dazu arbeitet er wieder medial, nämlich an Texten, die aus Interviews mit Protagonisten der Revolution stammen. Die Ausstellung in der Von der Heydt-Kunsthalle gibt außerdem erstmalig einen Einblick in Tobias Zielonys Archiv mit Fotografien von Jugendlichen aus den Jahren 1997 bis 2005.

 

 

INFO:

Ausstellung ‚Haus der Jugend‘ - Tobias Zielony

10. September 2017 - 14. Januar 2018

Rahmenprogramm: 

Künstlergespräch mit Tobias Zielony

Donnerstag, 23. November, 19 Uhr, Kosten 6 € inkl. Eintritt

www.von-der-heydt-kunsthalle.de

 

SPARDA-NACHT

Freitag, 1. Dezember, ab 20 Uhr

Eintritt frei, Programm unter: stiftung-sparda-west.de/von-der-heydt-kunsthalle