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BALLETT: ‚Anna Karenina‘ – Die erste Premiere des Staatsballett München in der Saison 2017/2018

Eine Vorschau

 

'Anna Karenina', Ballett Zürich, Ensemble Bank © Gregory Batardon. Foto: Courtesy Bayerisches Staatsballett.

 

Der Auftakt des Bayerischen Staatsballett in die Saison 2017/2018 war bravourös. Mit der Wiederaufnahme von John Crankos Klassiker ‚Der Widerspenstigen Zähmung‘ fand eine der erfolgreichsten Ballettkomödien Eingang in das Repertoire. Dazu erreichte das Bayerische Staatsballett hochkarätige Auszeichnungen: So wurde u.a. der erste Solist Osiel Gouneo bei der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift ‚tanz‘ zum bemerkenswertesten Tänzer der Spielzeit 2016 und 2017 gekürt. In Erinnerung bleiben den Zuschauern sicher auch die ersten Vorstellungen im September mit den Gästen oder ständigen Gästen des Bayerischen Staatsballett Natalia Osipova und Sergei Polunin. Im kommenden Monat, am 19. November, ist die Premiere einer Neuproduktion zu sehen, die zugleich auch deutsche Uraufführung ist: ‚Anna Karenina‘ von Christian Spuck.

 

Spucks ‚Anna Karenina‘, getanzt zur Musik von Sergej Rachmaninow, Witold Lutoslawski u.a., sorgte schon in anderen Ländern für ausverkaufte Ballett-Abende. Uraufgeführt wurde das abendfüllende Handlungsballett 2014 von dem Zürcher Ballett am Opernhaus Zürich, das Christian Spuck seit der Saison 2012/2013 leitet. 2016 nahmen Den Norske Opera & Ballett in Oslo und das Stanislawski-Theater in Moskau das Ballett in ihr Repertoire auf. Für die Premiere am Staatsballett fanden sich die mit dem Spuck-Repertoire vertrauten Ballettmeister Eva Dewaele, Birgit Deharde und Ivan Gil Ortega schon im Sommer zur Einstudierung in München ein. Christian Spuck, der gerade mit dem Korean National Ballett in Seoul seine ‚Anna Karenina‘ probt (Vorstellungen vom 1.11.-5.11.2017), wird ab November in der Bayerischen Landeshauptstadt die Endproben begleiten und die letzten Feinschliffe setzen. Die musikalische Leitung ist dem Gastdirigenten Robertas Šervenikas anvertraut. Man darf also gespannt sein. Die Karten für die Münchener Premiere, die zugleich das Hausdebüt von Christian Spuck am Bayerischen Staatsballett ist, sind schon ausverkauft, für die nachfolgenden Vorstellungen sind aktuell noch einige wenige zu haben.

 

Lew Tolstois Anna Karenina gehört zu den tragischen weiblichen Heldinnen der Literatur des sogenannten Realismus aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts. Strenges Ethos, unbeugsame Ehrekodexe, Räson aber auch Pathos bestimmen die gesellschaftliche und menschliche, überwiegend aristokratische Umgebung der Protagonistin. Aus dieser Epoche kennen wir die Bilder der Männer, die sich im Morgengrauen wegen Verletzungen ihrer Ehre duellieren, auch war dies die Zeit, in der tief verzweifelte Frauen ihrem Leben ein Ende setzten, wenn die gesellschaftliche Ächtung ihrer Person wegen eines Makel zu erdrückend für sie wurde. So auch Anna Karenina. In der Residenzstadt des zaristischen Russland St. Petersburg auf eine außereheliche Liebesbeziehung eingelassen, einem anderen Mann verfallen, fehlte ihr dennoch die Möglichkeit, ihre Banden zu lösen und ein neues Lebens zu beginnen. In dem Dilemma zwischen Freiheit und Liebe, Pflicht und Vernunft verliert sie schließlich alles, was ihr Leben lebenswert machte und sich selbst. Verzweifelt wählt sie den Freitod.

 

'Anna Karenina', Ballett Zürich, Ensemble © Gregory Batardon.  Foto: Courtesy Bayerisches Staatsballett.

 

Spuck interessieren für die tänzerische Umsetzung dieser fast 1300 Seiten umfassenden literarischen Vorlage vor allem die parallel laufenden Familiengeschichten: ‚Am meisten hat mich natürlich die Hauptfigur Anna Karenina fasziniert, aber grundsätzlich das gesamte Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts in Russland. Ich habe versucht, das auf drei Paarkonstellationen herunter zu brechen und deren Geschichte zu erzählen‘, so Spuck. Er denkt neben der leidenschaftlichen Affäre Annas mit dem Grafen Wronski an den treulosen Fürsten Stiwa Oblonski und dessen eifersüchtige Ehefrau Dolly sowie die bodenständige Familie von Kitty und Kostja Lewin.

 

Bilder und Bewegungen

Mit überwiegend klassischem Bewegungsvokabular in pointierten Szenen setzt Spuck die berühmte Ehebruchgeschichte aus dem 19. Jahrhundert vor der Folie eines traditionellen Russlandbildes um: Birkenwälder und Schneelandschaften, die legendären Bälle der St. Petersburger Aristokratie, verführerische Frauen in prunkvollen Kostümen (Emma Ryott) gehören ebenso zur Bildwelt dieses Ballettts wie die Kälte der feudalen und nicht immer bewohnten Adelspaläste. Die Bühne (Jörg Zielinski & Christian Spuck) mit stark reduzierter Gestaltung wirkt meist leer, Figuren in ihr scheinen mitunter fast verloren zu sein. Video-Projektionen visualisieren Orte des Geschehens, nehmen das kommende finale Unglück voraus oder werden zu Sinnbildern psychologischer Vorgänge. Konkrete Gesten der Tänzer erzählen die Geschichte, es wird gestritten, geküsst, geliebt und verzweifelt. „Für mich ist es wichtig bei einem erzählerischen Ballett, dass die Tänzer die Geschichte wirklich erzählen. Das heißt, der Zuschauer versteht, worum es geht. Nicht nur die Handlung, sondern auch die inneren Vorgänge der Figuren, die Emotionen, die Konflikte, die Auseinandersetzungen. Das ist ganz klar Thema. Das ist teilweise in sehr abstrakten Bewegungen gelöst, teilweise aber auch in sehr erzählerischen Bewegungen“ erklärt Christian Spuck.

Porträtfoto Christian Spuck. © Jos Schmid. Foto: Courtesy Bayerisches Staatsballett.

 

Aufführungstermine:

So, 19. November 2017, 19.30 Uhr, Premiere

Sa, 25. November 2017, 19.30 Uhr

Fr, 01. Dezember 2017, 19.30 Uhr

Fr, 23. März 2018, 19.30 Uhr

So, 22. April 2018, 19.30 Uhr

Do, 10. Mai 2018, 18.00 Uhr

Fr, 15. Juni 2018, 19.30 Uhr

Sa, 30.Juni 2018, 19.30 Uhr

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.staatsoper.de/staatsballett.html