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ARCHITEKTUR: 'Das Mysterium Mart Stam' - Der radikale Modernist im Marta Herford Museum

 

‚Unser Ausgangspunkt sollte die Funktion sein, der Nutzen der Dinge, mit dem Menschen und seinen täglichen Bedürfnissen als zentralen Gedanken‘ lautete der Leitsatz des in den Niederlanden geborenen Architekten und Designer Mart Stam (1899-1986). In der Ausstellung im Marta Herford wird derzeit die bewegte und geheimnisvolle Geschichte Stams anhand von Modellen, Möbeln, Designobjekten, Originalplänen, Fotografien, Filmmaterial und Dokumenten anschaulich gemacht.

 

Im Jahr 1926 gelang Mart Stam der Durchbruch als Möbeldesigner: Er hatte die Konstruktion des ersten hinterbeinlosen Stahlrohrstuhls, eines sogenannten Kragstuhl, erfunden. Den Prototyp dafür baute er aus Gasrohren und rechtwinkligen Muffen, erste Ausführungen, die allerdings noch nicht schwingen konnten, sondern statisch waren, wurden 1927 in Stuttgart während der legendären Werkbundausstellung präsentiert. Damit hatte Stam die Grundidee zu den zahlreichen Stahlrohrsesseln– und Stühlen entwickelt, die zu den innovativsten Möbeltypen im frühen 20. Jahrhundert gehören. Das auf dem Boden liegende ‚U‘ übernahm nun die Funktion der sonst üblichen vier Stuhlbeine. Zudem konnte Stam in Stuttgart mit seinem Reihenhaustyp erstmals seine Vorstellung von konstruktiv-notwendiger Gestaltung in der Architektur realisieren.

 

Folgend, in den Jahren 1928 und 1929, arbeitete Stam für Ernst Mays Stadtplanungsprogramm ‚Das Neue Frankfurt‘, das vor allem wegen seiner wegweisenden, von der Weimarer Sachlichkeit geprägten und von einem Stab junger Entwerfer und Künstler ausgearbeiteten Wohnungs- und Funktionsbauten Architekturgeschichte geschrieben hat. ‚Das Neue Frankfurt‘ setzte konsequent moderne ästhetische Maßstäbe. 1930 verließ Stam die Main-Metropole und reiste mit der Architektengruppe um Ernst May in die UdSSR, um an den großangelegten Städteplanungen für Magnitogorsk, Makejevka und Orsk mitzuwirken. Unter anderem galt es hier 1,4 Millionen Wohnungen zu errichten. 1934 verließ Stam die Sowjetunion, obwohl ihm der asketische Funktionalismus, nach dem die Projekte stilistisch ausgerichtet waren, sehr zusagte. Es waren eher die pragmatischen und technokratischen Forderungen der dortigen Architekturpolitiker, die mit seiner Vorstellung von der sozialen Verantwortlichkeit eines Architekten nicht in Einklang zu bringen waren.

 

Funktionaler und sozialer Wohnungsbau

 

So radikal wie Mart Stams formreduzierte, funktionale und sozial-utopistische Architekturidee war, so bewegt verlief auch sein Leben. Nach einer Ausbildung zum technischen Architekturzeichner begann er seine Laufbahn in verschiedenen Architekturbüros in Amsterdam, Rotterdam und Zürich. 1922 siedelte er nach Berlin über, wo er für Hans Poelzig und Max Taut tätig war. In dieser Zeit begegnete er auch dem visionären El Lissitzky. Die Freundschaft der beiden hielt bis zum Tod von Lissitzky, dessen Auffassung von Architektur sichtbate Spuren im Werk von Mart Stam hinterlassen hat. 1928 gehörte Stam zu den Wortführern des CIAM-Kongresses, die die Probleme des Massenwohnungsbaus allen baukünstlerischen Fragen voranstellten und folgerichtig die allgemeine Wirtschaftlichkeit des Bauens an die erste Stelle ihrer Abschlusserklärung setzten. Stam, von der politischen Überzeugung her sozialistisch geprägt, war bei seinem Thema angekommen: dem funktionalen und sozialen Wohnbedarf für das Existenzminimum. Nachdem Stam 1934 die UDSSR verlassen hatte, zog er nach Amsterdam, wo er zusammen mit seiner damaligen Frau Lotte Beese und W. van Tijen ein Architekturbüro gründete. Ein Jahr später war er Mitglied des Redaktionsteams von ‚De8 en opbouw‘. Publizistische Arbeit und auch die Lehre nahmen einen großen Teil seines Schaffens ein: Von 1939 bis 1948 war Stam Direktor des ‚Instituut voor Kunstnijverheidsonderwijs‘, der nachmaligen Rietveld-Akademie. Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte er aus politischer Überzeugung in die Sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR, um die Leitung der Dresdner Kunstakademie zu übernehmen und diese in die ‚Akademie für Bildende und Angewandte Künste‘ nach dem Vorbild des Bauhaus zu überführen. Im Mai 1950 übernahm er das Direktorenamt an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. In der DDR schließlich öffentlich als ‚bürgerlicher Formalist‘ stigmatisiert, verließ er mit seiner Frau Olga 1953 das Land und ging wieder in seine holländische Heimat zurück. Die beiden änderten ihre Namen und hießen nun Olga und Mart Heller. Später zog sich Stam mit seiner Frau in die Schweiz zurück. Er hatte sich ‚mehr und mehr verfolgt‘ gefühlt, heißt es in der Pressemitteilung zur Ausstellung im Marta Herford. ‚Olga und Mart Heller, wie sie sich (…) nannten, zogen 1966 in die Schweiz und an unterschiedliche Orte. Lange war unklar, ob und wo Stam lebte. Er starb im Alter von 86 Jahren in Goldach im Kanton St. Gallen‘.

 

INFO:

Ausstellung: 'Radikaler Modernist – Das Mysterium Mart Stam' vom  5. November 2017 – 07. Januar 2018

Im Marta Herford (Lippold-Galerie), Goebenstraße 2–10, D-32052 Herford,  Tel.: +49-5221-99 44 30-0, Fax: Tel. +49-5221-99 44 30-23

Kuratorisches Team: Franziska Brückmann, Friederike Fast, Ann Kristin Kreisel, Eva Wolpers

Exponate: Fotografien, Designobjekte, Originalpläne, digitale Reproduktionen, Modelle, Zeichnungen, Dokumente.

Öffnungszeiten Di–So und an Feiertagen 11–18 Uhr, jeden 1. Mittwoch im Monat 11–21 Uhr, 

24., 25. und 31.12. geschlossen, Neujahr ab 13 Uhr geöffnet.

Eintritt Erwachsene 8 Euro, ermäßigt 4,50 Euro, Familien 17 Euro, Gruppen ab 10 Pers. 4,50 Euro/Pers., Schülergruppen ab 6. Klasse 1,50 Euro /Person. Freier Eintritt für Besitzer der HerfordKarte, Kinder unter 10 Jahren, Schüler und Studenten dienstags von 16–18 Uhr und am 1. Mittwoch im Monat von 18–21 Uhr.

Weiteres: www.marta-blog.de  #radikalermodernist