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KUNST: Die Doppel-Ausstellung 'THE AMERICAN DREAM' in Emden und Assen

von Bettina Krogemann

 

Wenn der Bundesaußenminister Sigmar Gabriel neben Kent Logsdon, dem Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika, und Edelgard Bulmahn, der ehemaligen Vizepräsidentin des Deutschen Bundestag, als Panel-Speaker zu einer Ausstellungseröffnung geladen wird, so kann es sich nicht um Kunst handeln, die in einem politisch luftleeren Raum schwebt, was gute Kunst ohnehin selten tut. Die Kuratorinnen der Ausstellung ‚The American Dream‘, das sind Dr. Katharina Henkel und Antje-Britt Mählmann, setzten bewusst auf eine Schau, die zu Diskussionen anregt, nicht nur in Kreisen von Kunstgelehrten, sondern in der Öffentlichkeit und damit in der Politik.

 

Die Museumsschauen ‚The American Dream‘, noch bis zum Mai kommenden Jahres in der Kunsthalle Emden und zeitgleich im Drents Museum im niederländischen Assen zu sehen, zeigen Facetten des großen, rund 240 Jahre alten Traums, in dem allen Menschen die gleiche Chance auf ein gutes, wertvolles Leben eingeräumt wird – wenigstens in der Theorie. Die in der Ausstellung präsentierten künstlerischen Positionen, allesamt zum Zirkel der Amerikanischen Realisten gehörend, stehen für eine eigene Wahrnehmung des ‚American Dream‘ und seines Wertewandels seit der Unabhängigkeitserklärung. Die als gemeinsames Projekt geplanten Ausstellungen in der Kunsthalle Emden und im Drents Museum versammeln insgesamt 200 Kunstwerke. Die grenzüberschreitende Doppelausstellung setzt absichtlich auf eine Laufzeit von sechs Monaten, damit die Interessenten ausreichend Gelegenheit haben, beide Orte zu besuchen. Während sich das Drents Museum auf die Kunst aus den Jahren von 1945 bis 1965 konzentriert, zeigt die Kunsthalle Emden Arbeiten, die in den Jahren ab 1965 bis 2017 entstanden. Dem amerikanischen Traum wird mit unterschiedlichen Motiven nahegerückt. Es können Menschen sein, das Stadtleben, Landschaften, Genre-Motive oder Stillleben.  

 

Den Künstlern des Amerikanischen Realismus ging es im 20. Jahrhundert natürlich anders als denen der frühen Neuzeit nicht um naturnahe Darstellungen, sondern um die Wiedergabe von Erscheinungen ihrer Zeit. Gesellschaftliche Umwälzungen, Drogen, Waffengewalt, der Großstadt-Dschungel, die Vergötterung des Konsums gehören dazu und sind provokant in ihrer Aussage. Junge historische Ereignisse wie Bürgerrechtsbewegungen, der Vietnam- und der Golfkrieg sind bildbwürdig, ebenso wie die realen Lebensbedingungen in den U.S.A, die meist aus einer gesellschaftskritischen Position heraus betrachtet werden. Der Blick auf die menschliche Existenz steht im Fokus der Wahrnehmung, deren Meßlatte durchaus die Theorie des ‚American Dream‘ sein darf.  

 

Denken wir nicht gerne an Ketchup und Steaks, wenn wir von der amerikanischen Kulinarik sprechen? Die dazu passenden Tischutensilien sind Lieblingssujets des 1928 in Kalifornien geborenen fotorealistischen Malers Ralph Goings. Goings konzentriert sich in seinem Schaffen auf das Everyday-Life in Amerika und gibt gerne sehr gewöhnliche Gegenstände oder alltägliche Straßenszenen wieder. Tischszenerien aus Ketchup- und Tabasco-Flaschen wirken in seinen Bildwelten wie die Skylines berühmter amerikanischer Städte und treten uns wie Veduten bedeutender Orte entgegen. Da ist das fotorealistische Stillleben der New Yorker Malerin und Bildhauerin Audrey Flack. ‚Queen‘ ist es betitelt. Im Großformat zeigt es alles das, was zum Leben weiblicher Personen ihrer Generation wohl unbedingt dazugehören muss! Das sind viele Kosmetika und Schminkutensilien, um die weibliche Schönheit und Jugend zu konservieren. Daneben setzt Flack klassische Vanitas-Motive, eine Uhr, Obststücke, die Schachdame und die des Herzen aus dem Kartenspiel, dazu ein Amulette mit Fotos eines jungen Paares. Ist der Traum von ewiger Jugend und Schönheit auch ein Part des ‚American Dream‘?

 

Weite, menschenleere Landschaften mit unendlichen Horizonten oder der meist frequentierteste Ort im Big Apple – eine größere Spannweite des American Life ist wohl kaum vorstellbar. Der Hyperreallist Stone Roberts wählte für sein Gemälde ‚Grand Central Terminal: An early December Noon in the Main Concourse‘ einen gewöhnlichen Nachmittag in dem größten New Yorker Kopfbahnhof als Szenerie. In dem Terminal enden auf zwei Ebenen 67 Gleise an 44 Bahnsteigen, in der zentralen Halle wird Tag und Nacht ein- und ausgegangen. In seinem Gemälde bewegen sich zahllose Menschen, zeitgemäß und naturgetreu festgehalten, erscheinen sie dem Betrachter dennoch total anonym. Die Monumentalität der Halle passend zur Größe der Stadt, in der sie ihren Platz eingenommen hat, läßt den einzelnen Menschen fast verloren wirken.

 

Und das Land? Die Weite? Stephen Shore, dem Pionier der amerikanischen Farbfotografie, wurde schon als 24jährigem eine Einzelausstellung im New Yorker Metropolitan Museum of Art gewidmet, nicht ohne Grund. Er zählt zu den Fotografen, die eine post-romantische, recht zynische Perspektive auf die viel gelobte amerikanische Landschaft vermitteln. In seiner Arbeit ‚South of Klamath Falls, Oregon‘ aus dem Jahr 1973 tauscht er die majestätische Ansicht der realen Landschaft gegen ein Bild der Natur, das durch sein eigenes Abbild in Form eines Schildes verdeckt ist. Es ist als sehr ironischer Kommentar zur authentischen Naturerfahrung zu verstehen. Shores Verdienst ist es vor allem, die Farbfotografie aus ihrem Exil der Nutzung für eine rein kommerzielle Welt befreit und sie wieder für den Bereich ernsthafter Kunst zurückgewonnen zu haben (die Ausstellung lief bis 27.5.2018).  

 

Weitere Informationen finden Sie unter:

http://www.visittheamericandream.com/

www.kunsthalle-emden.de

www.drentsmuseum.nl