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Ein Hühnerstall, eine Ausstellung - Rachel Whiteread in Wien

Jedem Wiener und jedem Besucher der Donaumetropole ist die renommierte britische Bildhauerin Rachel Whiteread längst ein Begriff. Spaziert man durch den 1. Wiener Bezirk und gelangt zum Judenplatz, da steht es seit der Jahrtausendwende da, ihr beeindruckendes auratisches Holocaust-Mahnmal, das den neu gestalteten Platz zu einem Ort der Erinnerung gemacht hat. Ab dem 7. März ist in Wien nun eine umfassende Retrospektive von Whiteread im Belvedere 21 zu sehen.

 

‘Es bedeutet für uns einen Meilenstein, die Ausstellung der Starkünstlerin Rachel Whiteread im  Belvedere 21 zu zeigen‘, erklärt die Generaldirektorin des Belvedere und des Belvedere 21 Stella Rollig zur Bedeutung dieser Werkschau für Wien, die den Besuchern bis zum 29. Juli einen Querschnitt durch das Werk der Künstlerin aus den letzten 30 Jahren präsentiert. Rachel Whiteread gilt als eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart überhaupt, zudem ist sie bereits mit dem Standort Wien eng verbunden. Bekannt ist sie für ihre intimen, oftmals monumentalen Abgüsse von Leerräumen. Negativformen von Alltagsgegenständen wie Möbel und Architekturelemente fertigt sie in industriellen Materialien wie Gips, Beton, Harz, Gummi, Metall und Papier. Mit ihrer stillen, eindringlichen Präsenz rufen Whitereads Skulpturen persönliche und allgemeingültige menschliche Erfahrungen und Erinnerungen wach. 

Der Wiener Judenplatz

Whitereads Mahnmal für den Judenplatz war eine Idee des KZ-Überlebenden Simon Wiesenthal. Der Architekt und Publizist Wiesenthal wollte damit ein Mahnmal für die österreichischen Opfer der Schoa errichten lassen. Whiteread gestaltete dies in Form eines großen Gussbetonquader, der 380 cm in der Höhe misst. Seine Außenwände treten dem Betrachter als Negativabdrücke von Bibliothekswänden gegenüber, wobei die Bücher mit dem Buchrücken zur ‚Innenseite‘ des Quaders angeordnet sind. Das heißt, von außen sind ihre Urheber und Titel nicht lesbar, für uns nicht sichtbar. Whitereads Mahnmal hat außerdem ein als Tor gestaltetes Relief. Dieses ist aber tatsächlich nur ein Relief, kein Tor, der Innenraum des Quaders ist nicht begehbar. Worauf sie mit dieser Gestaltung hindeutet? Viele der potentiellen Nutzer dieser Bibliothek haben den Holocaust nicht überlebt, sie blieben namenlos wie diese Bücher, ihre Lebensgeschichte ungeschrieben, versteckt, wie der Inhalt dieser Bibliothek. Der Bibliotheksquader ist mit Bodenplatten umsäumt auf denen die Namen von 41 Orten stehen, in denen österreichische Juden während des NS-Regimes ermordet wurden. Als besonderen Schwerpunkt behandelt die Wiener Ausstellung dieses für die Stadt und die Geschichte gewichtige Mahnmal, das auch wegweisenden Einfluss auf das weitere künstlerische Schaffen von Whiteread genommen hat. 

Chicken Shed

Schon seit dem 2. Februar 2018 steht als Auftakt zur Whiteread-Retrospektive der Innenabguss eines typisch englischen Hühnerstalls im Pfirsichgarten des Oberen Belvedere. Rachel Whiteread arbeitet seit einigen Jahren an einer Serie von Hütten und Häuschen, die normalerweise an abgelegenen, schwer zugänglichen Orten stehen. Der ‚Chicken Shed’ wurde eigens für die Wiener Ausstellung realisiert. Es ist der Abguss eines kleinen Hühnerstalls, der ursprünglich in der englischen Grafschaft Norfolk stand, mittlerweile ist er schon eine Ikone zeitgenössischer Skulptur. 2017 wurde ‚Chicken Shed‘ erstmals auf dem Gelände der Tate Britain in London installiert, nun steht er als Vorbote der Wiener Ausstellung im Garten des Oberen Belvedere.  ‘Chicken Shed’ kann bis Ende Juli 2018 täglich bei freiem Eintritt besucht werden.

Exponate

International bekannt ist Rachel Whiteread seit ihrem spektakulären Werk ‚House‘ aus dem Jahr 1993, der kompletten Abformung eines zum Abriss bestimmten Hauses in London. Diese Arbeit ist als aussagekräftiger Stellvertreter ihrer Kunstauffassung zu lesen. Whiteread möchte das Alltägliche bewahren, das Unsichtbare sichtbar machen, vergessene oder vergängliche Gegenstände in etwas Dauerhaftes verwandeln. Ihre Skulpturen von Häusern, Innenräumen und Alltagsgegenständen lenken den Blick auf Altbekanntes und lassen die Dinge durch die Umkehrung von Positiv und Negativ doch gänzlich neu erscheinen. Whitereads Kunst ist damit eine Reflexion über die materielle Kultur, die uns umgibt. Zu den Kernstücken der Wiener Ausstellung zählt Whitereads Untitled (Room 101). Das ist der Abguss des Raums 101 im ehemaligen Gebäude des britischen Senders BBC, der für George Orwells Room 101, einer Folterkammer aus seinem dystopischen Roman ‚1984‘, Pate gestanden hat. Warnung vor Totalitarismus und Verlust der Menschlichkeit sind hier die Subtexte. ‚Sieht man Whitereads Untitled (Room 101) im Zusammenhang ihrer anderen monumentalen Werke, wie Ghost, House oder dem Wiener Holocaust-Mahnmal, so eröffnen sich in ganzer Schärfe die politischen, sozialen, biografischen und ethischen Dimensionen ihrer Kunst,’ so Harald Krejci, Kurator der Ausstellung im Belvedere 21, zur Bedeutung dieser Arbeit von Rachel Whiteread.

Vita

Rachel Whiteread wurde 1963 in London geboren, wo sie lebt und arbeitet. 1993 gewann sie als erste Frau den prestigeträchtigen Turner-Preis, 1997 vertrat sie Großbritannien auf der Biennale in Venedig. Ihre Arbeiten sind weltweit in großen privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten und wurden in zahlreichen internationalen Einzelausstellungen gezeigt. Whiteread gestaltete viele renommierte Projekte für den öffentlichen Raum auf dem gesamten Globus.

Kommende Veranstaltungen:

 

Wien | 21er Haus 07.03.2018 - 29.07.2018

Washington | National Gallery of Art 16.09.2018 - 13.01.2019

Missouri | Saint Louis Art Museum 17.03.2019 - 09.06.2019

 

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://www.belvedere.at/ausstellungen?ausstellung_id=1499086524608

 

Zur Ausstellung erscheint eine Buchpublikation

 

 

‚Rachel Whiteread‘, Hg. Ann Gallagher, Molly Donovan, Beiträge von M. Donovan, B. Fer, B. Dillon, A. Gallagher, H. Krejci, L. Young, L. Zelevansky, Text: Deutsch, 240 Seiten, 150 Abbildungen in Farbe, 21,9 x 29 cm, gebunden, ISBN: 978-3-7774-3009-6, Preis 39,90 Euro im Hirmer Verlag.