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'Portrait Wayne McGregor' - Der Auftakt der Ballettfestwoche in München 2018

'Portrait McGregor', 'Sunyata', hier Ksenia Ryzhkova und Jonah Cook. © Wilfried Hösl.

 

Das ‚Portrait Wayne McGregor‘ war die zweite Premiere des Bayerischen Staatsballett in der Spielzeit 2017/2018 und Auftakt der Ballettfestwoche 2018. Den Choreographen-Portrait-Abend bestritten drei abstrakte Stücke, die 30 bis 34 Minuten lang sind. Für alle drei Stücke gilt: Es sind Uraufführungen in Deutschland.

 

Während ‚Kairos‘ im Jahr 2014 am Ballett Zürich und ‚Borderlands‘ 2013 am San Francisco Ballett erstmals einstudiert wurden, ist ‚Sunyata‘ eine eigens für das Bayerische Staatsballett geschaffene Kreation. Gerade dieser Umstand zog am Premierenabend (14. April 2018) sehr viel professionelles Publikum in das Nationaltheater, das ‚Sunyata‘ mit gebührendem, emotionalem Applaus goutierte. McGregor ist bekannt dafür, dass er seine Choreographien dialogisch mit einer Compagnie, das heißt, durch die Arbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern umsetzt. So bot der Premierenabend auch was die Darbietungen der Darsteller angeht, viel Neues für das Publikum. Sich auf Ungewohntes einzulassen, als Tänzer, als Künstler, auch als Zuschauer gehörte mit zu den gestaltenden Säulen des Abends. Viele der Compagnie-Mitglieder hat der regelmäßige Besucher des Münchener Balletts selten in so hohem Maß über sich hinausgehend, sich den Ideen hingebend gesehen. Konzentration war nicht nur auf Seiten der Künstler gefordert. Das Publikum harrte jeden Moment auf neue Bilder, musikalische Inputs, außerordentliche tänzerische Bewegungen. Den Ballettabend teilen zwei Umbaupausen in drei sehr unterschiedliche Strecken, jede von ihnen hat ihre ganz eigene Wirkung. Für den Zuschauer sind die Pausen so etwas wie eine Katharsis, denn danach beginnt auch für ihn eine neue Situation. Die Facetten dieser Ballett-Trilogie an einem Abend prima vista zu erfassen ist ein schwieriges, kaum realisierbares Unterfangen. Wer kann, der sollte sich das ‚Portrait Wayne McGregor‘ öfter anschauen und am besten aus verschiedenen Perspektiven im Zuschauerraum. Gelegenheiten dazu werden im Mai, Juni und Juli geboten.

 

 

'Portrait McGregor', 'Kairos', Ensemble. © Wilfried Hösl.

‚Kairos‘ – Der günstige Moment

Auftakt der Trilogie ist ‚Kairos‘, dem der in London lebende Künster Idris Khan als Bühnenbildner den Rahmen gab. In den formreduzierten Kostümen von Moritz Junge bewegen sich die Tänzer. Als Eingangsbild eröffnet sich dem Betrachter eine großformatige, mit überlagerten Notenblättern bedruckte, optisch leichte Gaze-Leinwand mit Vivaldis Partitur seiner berühmten ‚Vier Jahreszeiten‘, die hier in der Überarbeitung des 1966 in Hameln geborenen, britischen Komponisten Max Richter unter der musikalischen Leitung von Keon Kessels erklingen. Das erste Bild des Abends wirkt so wie eine abstrakte monumentale Malerei, sie könnte mit ihrer linearen Auffassung von Agnes Martin oder Maxe Cole stammen. Abhängig von dem Auftreffen des Lichtes auf die Gaze, mal von vorne, mal von hinten, entziehen sich die Tänzer in verschiedenen Abstufungen den Blicken des Publikums, tauchen ab und wieder auf, sind inmitten der Bewegung blitzartig angeleuchtet, damit bildartig fixiert, oder inmitten ihres Tanzes abrupt weggeleuchtet, als wären sie in Zeit und Raum nicht mehr existent. Die Bilder, die in ‚Kairos‘ gezeichnet werden, sind schnell, fast ephemer in ihrer Erscheinung (Licht: Lucy Carter). Das alles bezeichnet auf tänzerischer Ebene eine aus der griechischen Mythologie tradierte Idee: ‚Kairos‘ ist eine Gottheit, die für den günstigen Moment steht, eine Entscheidung zu treffen. Der Moment ist entscheidend, er ist auch schnell. Diese Sichtweise beinhaltet sowohl die Idee einer maximalen Wertschätzung eines Moments als auch das Gegenteil, die Vergänglichkeit, denn ein Moment ist immer unwiederbringlich.

 

'Portrait McGregor', 'Sunyata', hier Laurretta Summerscales, Elvina Ibraimova, Ksenia Ryzhkova und Ivy Amista. © Wilfried Hösl.

‚Sunyata‘ – Die Idee von der Leere

‚Sunyata‘, der ausgewogene mittlere Part der Trilogie, ist McGregors Kreation für das Bayerische Staatsballett. Das Bühnenbild (Wayne McGregor, Catherine Smith) besteht aus einem zentralen Motiv, einer riesig vergrößerten persischen Miniaturmalerei, deren Zentrum eine große kreisrunde Öffnung ist, die dem Zuschauer in verschiedenen Farben, in Lichtvarianten als beherrschendes Motiv entgegentritt. Diese Gestaltung und Sichtbarmachung von Leere folgt dem Prinzip von ‚Sunyata‘, einer grundlegenden buddhistischen Überzeugung, die davon erzählt, dass alles leer und frei ist und sich alles gegenseitig bedingen kann. Zahlenmäßig treten die Tänzerinnen und Tänzer entsprechend reduziert auf und finden im Miteinander ihren eigenen Rhythmus. In der Weite und Sphärenhaftigkeit der Musik von der zeitgenössischen finnischen Komponistin Kaija Saariaho suchen sie Orientierung, Raum, Platz – es entstehen intensive, innige Bewegungen, die die Tänzer miteinander verknüpfen. Inspiration für ihre Musik fand Kaija Saariaho in sechs Gedichten des persischen Lyrikers und Sufi-Mystikers Rumi, McGregor übersetzte beides in seine Choreographie der Leere, Freiheit und des Miteinander.

 

'Portrait McGregor', 'Sunyata', hier Dukin Seo und Erik Murzagaliyev. © Wilfried Hösl.

 

‚Borderlands‘ – Grenzbereiche tanzen, sehen

Input für die Gestaltung und Choreographie von ‚Borderlands‘ gaben McGregor die Studien des deutsch-amerikanischen Malers Josef Albers. McGregor hat sich mit Albers malerischen Methoden und Erkenntnissen intensiv beschäftigt. Dabei geht es um die subjektive Wahrnehmung von Farben, ihre Grenzwerte, ihre Modulationen und ihre Räumlichkeit, die Albers erprobte. 1963 publizierte Albers seine Erkenntnisse in der Schrift ‚Interaction of Color‘. Den Bühnenraum für ‚Borderlands‘ entwarf McGergor mit Lucy Carter selbst, die auch die Lichtregie ausarbeitete. Der Zuschauer sieht in diesem Ballett auf einen scheinbar leeren Raum, einzig ein quadratisches Element erscheint an seinem visuellen Ende. Eine Hommage an die berühmten Bildreihen von Albers mit dem Titel ‚Hommàge to the Square‘? Wohl ja. In ‚Borderlands‘ transformieren sich die Lichtstimmungen um das Quadrat herum. Blau ist die Initiale, sie kann in der nächsten Musik- und Tanzsequenz andersfarbig werden. Liminalität ist hier das Stichwort, alles bewegt sich auf Schwellen, in Grenzbereichen, ist in einer Übergangssituation, deren Taktung McGregor dem architektonisch-malerischen Prinzip von Josef Albers angelehnt hat, das auf der Zahl Vier gründet. Alle vier Minuten wechseln hier Musiksequenzen (Musik: Joel Cadburry, Paul Stoney) und die choreographische Folge. Innerhalb des Werkes von Albers ist die Zahl Vier grundlegend für die wichtigsten seiner malerischen Schöpfungen, die in das Square münden, in das Quadrat, in einfaches Deutsch übersetzt, in das Viereck.

 

'Portrait McGregor', 'Borderlands', hier Ksenia Ryzhkova und Alexey Popov. © Wilfried Hösl.

Wayne McGregor

Wayne McGregor wurde 1970 im britischen Stockport geboren und entdeckte früh seine Liebe zum Tanz. Zunächst studierte er Choreographie und Semiotik und bildete sich anschließend in New York an der José Limon-Schule fort. 1992 gründete er die Company Random Dance, die sich rasch zu einer ästhetischen Forschungsstation entwickelte, dem Studio Wayne McGregor. Inspirationen aus Kunst, Musik, Philosophie und wissenschaftlicher Forschung verschmelzen dort zu einem interdisziplinären Ganzen. Seit 2006 ist er zudem ‚Choreographer in Residence‘ beim Royal Ballet London und choreographierte inzwischen auf der Basis des klassischen Balletts und seiner Bewegungsforschungen 15 Ballette für das Haus. Sein Werk umfasst Kreationen für zahlreiche internationale Compagnien, darunter das Ballet de l‘ Opéra de Paris, das New York City Ballet, das Ballett des Bolschoi-Theaters Moskau und das San Francisco Ballet.

 

 

Die kommenden Vorstellungen

von ‚Portrait Wayne McGregor‘ sind an folgenden Terminen zu sehen:  

11. Mai 2018

18. Mai 2018

12. Juni 2018

23. Juni 2018

10. Juli 2018

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://www.staatsoper.de/staatsballett.html