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Gert Weigelt: Autopsie in Schwarz/Weiss

Die Ausstellung im Deutschen Tanzarchiv Köln

Dass Tänzer eine Zweitkarriere starten, ist gang und gäbe, schließlich bleiben nach Ausbildung und Debüt in der Regel nur wenige Jahre für den aktiven Bühnentanz. Viele Tänzer gehen dann in die Pädagogik, unterrichten an Akademien und Ballettschulen, andere widmen sich der Choreographie, wieder andere suchen sich ihre beruflichen Nischen in neuen Terrains. Eine besonders interessante Mischung ist dem einstigen Ballerino Gert Weigelt geglückt. Ursprünglich zum klassischen Bühnentänzer ausgebildet, war er Mitglied führender Compagnien in Stockholm und in den Niederlanden und hatte dabei das Privileg, mit den bedeutendsten Choreographen seiner Epoche zusammen zu arbeiten, deren Kunst oftmals auf einer Nahtstelle zwischen klassischem Ballett und moderneren Strömungen angesiedelt war.

Zweiter Werdegang

Und danach? Danach studierte er Künstlerische Fotografie an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln, der Stadt, in der er seit 1975 lebt und arbeitet. Die Fotografie gestattete es ihm, dem Tanz weiterhin eng verbunden zu bleiben. Schnell etablierte sich Gert Weigelt zu einem gefragten Tanzfotografen und ab Mitte der 1970er Jahre begleitete und dokumentierte er das Entstehen und die Entwicklung des modernen ,Tanztheaters‘ in Deutschland. Er wurde ihr Chronist. Pina Bausch, Hans van Manen, Susanne Link, William Forsythe, Gerhard Booner sind künstlerische Positionen,  die kontinuierlich in sein Werk Eingang fanden. Mit dem Schweizer Choreographen Martin Schläpfer, der von 2009 bis 2018 nicht nur Hauschoreograph, sondern auch Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein und Duisburg war, sich aber ab heuer wieder mehr auf seine Arbeit als Choreograph konzentrieren möchte, verbindet ihn seit langer Zeit eine intensive Zusammenarbeit.

Bilanz von vierzig Jahren

Die Fotografien, die Gert Weigelt in den vergangenen vierzig Jahren schuf, prägten die visuelle Darstellung des Tanztheaters entscheidend. Auch seine Kunstfilme, die er in den 1990er Jahren als in Bewegung gesetzte Bildchoreographien für das ZDF und den niederländischen TV-Sender NOS geschaffen hat, gehören zur jungen Kulturgeschichte des Tanzes und werden ebenfalls in der Kölner Ausstellung präsentiert.

Dem Besucher mögen Motive der Fotografien, die derzeit in Köln zu sehen sind, bekannt vorkommen. Einige von ihnen wurden bereits in ,Weigelts Weekly - Tanzgeschichten‘ publiziert, einem Blog, den der Künstler viele Jahre für das Online-Portal ,tanznetz.de‘ mit seinen Fotografien visuell und dazu auch textlich gestaltete. Dort kommentierte und erläuterte Weigelt seine Arbeiten. Besonders interessant ist die Genesis zu ,a circle - a line‘ aus dem Jahr 2000, einem großartigen ,Eye-Catcher‘, in dem der menschliche weibliche Körper mitsamt Tutu in eine abstrakte Kreis- und Linienkomposition umgedacht wird. Aus Weigelts Blog erfahren wir, dass dieses Foto im Jahr 2000 für das Programmheft der Staatsoper Berlin als Studioaufnahme entstand. Die Dramaturgin des Hauses und heutige stellvertretende Intendantin des Staatsballetts Berlin, Christiane Theobald, hatte ihm seinerzeit dieses Projekt übertragen und er hatte dazu die Idee eines Kreieses und einer Linie im Kopf, zu english ,a circle, a line‘. Doch sein Einfall war heikel, sollte der Fokus der Fotografie doch genau in den Punkt münden, der mitten im Schritt der Tänzerin lag. Das Vertrauen in seine Arbeit und die Wertschätzung seiner Ästhetik war bei seiner Auftraggeberin aber so groß, dass Weigelt in seinem Blog folgende Reaktion von ihr dazu überliefern kann: ‚ Aber Herr Weigelt, wenn SIE das Fotografieren, wird das überhaupt nicht so wirken.‘ Das ist eine von den vielen, sehr lesenswerten Tanzgeschichten, die Weigelts Fotografien begleiten. Dabei sind nicht nur seine Bilder Kunstwerke, auch die stets aus sehr persönlicher Sicht geschriebenen Texte überzeugen durch Klarheit, Humor und tiefer Kenntnis des Mediums Tanzes und seiner Protagonisten.

 

Die Ausstellung im Deutschen Tanzarchiv in Köln ist noch bis zum 27. Januar 2019 zu sehen. Anschrift: Im Mediapark 7, (3.OG), 50670 Köln.

ALLE ABBILDUNGEN WURDEN AUS URHEBERRECHTLICHEN GRÜNDEN ENTFERNT.

Weigelts Tanzgeschichten im tanznetz.de:

http://www.tanznetz.de/gallery/2050/show

Website des Künstlers:  http://www.gert-weigelt.de/