· 

Spiegel und Denken: Marios Siakantaris

von Gerhard Charles Rump

 

Marios Siakantaris, 'Mirror Corridor'. © & Courtesy Marios Siakantaris.

 

In der antiken Tradition heißt es, dass Spiegel uns nur ein dunkles Bild der Welt vermitteln (1 Korinther 13:12). In die heutige Zeit übertragen könnte es bedeuten, dass, obwohl moderne Spiegel eine sehr helle Reflexion leisten, wir immer noch ein wenig im Dunkeln tappen, weil ein wahres Kunstwerk immer ein kleines und endgültiges Geheimnis bewahrt.

 

Was hat das mit der Kunst von Marios Siakantaris zu tun? Viel, denn er benutzt kleinere und mittelgroße, meistens unregelmäßig geformte Spiegel in seinen Skulpturen und Installationen. So öffnet er die Tür zu den Möglichkeiten, einen harmonischen Widerspruch zwischen der harten und unveränderlichen Charakteristik des Spiegelglases und den formbaren Qualitäten des benutzten Tons zu erfahren. Die Opposition zwischen reflektierend / nicht reflektierend, die den Materialien zu Eigen ist, und die weiche bis harte Geschichte des Materials kommen auch noch dazu und vervollständigen den ästhetischen Aufbau und die visuellen und emotionalen Eigenschaften.

 

Ästhetik ohne Semantik, aber mit Emotionen

Ästhetik hat viel mit Emotionen zu tun, da ästhetische Strukturen und Elemente keine Bedeutung besitzen, keine semantische Dimension aufweisen. Ästhetische Elemente werden praktisch genau so geformt wie Wörter und Sätze in einem Text: Man beginnt mit kleinen und grundlegenden Elementen und baut daraus größere Einheiten durch deren Kombination. Aber in der Tat – uns erschließt sich keine Bedeutung. Wir finden emotionale Eigenschaften an ihrer statt. Zackige, scharfe Formen machen uns darauf aufmerksam, erhöhen unsere Wachsamkeit, deuten an, dass in der Natur solche Dinge verletzen können. Hingegen rufen sanfte, kurvige Formen ein gewisses Vertrauen und Ruhe hervor (mit der Ausnahme von Formen die nach Schlangen aussehen, weil wir eine angeborene Furcht vor Schlangen besitzen). Auch braucht das Auge länger, eine Umrisslinie zu erfassen, die im Zickzack verläuft, wodurch die Aufnahme von visuellen Informationen verstärkt und vermehrt wird – solche Formen übersieht man nicht so einfach. Sie sind eindrucksvoller und Aufmerksamkeit erregender, und der Künstler benutzt dieses Phänomen ganz mit Absicht.

 

Marios Siakantaris, 'Liquid Scalene'. © & Courtesy Marios Siakantaris.

 

Die Polyperspektive

Es ist sehr wichtig, dass Siakantaris eine Vielzahl von Spiegeln benutzt, dass sie klein sind und von unregelmäßiger Umrisslinie. Der Gebrauch von größeren Spiegeln (auch fragmentarisch) ist schon von Künstlern die Anselm Reyle oder Michelangelo Pistoletto vorgeführt worden, um nur zwei zu nennen. Reyle benutzt sie, um eine dynamische ästhetische Diskrepanz zwischen Kunst-Idealen und praktischer Dekoration zu etablieren, wohingegen Pistoletto danach strebt, den Unterschied zwischen Bildwelt und Betrachterwelt zu verwischen. 

 

All-over Reflections

In einigen von Siakantaris' Installationen wird der gleiche Effekt jedoch auf völlig andere Art und Weise erreicht. In einer all-over Struktur von sehr vielen Spiegeln verschmilzt der Betrachter ebenso mit seiner Umgebung, aber da gibt es einen wichtigen Unterschied: Dieses Environment hat viele Facetten und miteinander verwobene Räume, und alles das verändert sich mit jedem Schritt, den wir unternehmen und jeder Bewegung, die wir ausführen. Das erweitert das Gesichtsfeld und auch das Verständnis der Bedingungen von Wahrnehmung und von Ästhetik gleichermaßen. Wir bewegen uns in mehr als einem Raum: zunächst im physikalischen, gebauten Raum, und danach in der Abfolge visueller und virtueller Räume.

 

Marios Siakantaris, 'EpiphanyC' . © & Courtesy Marios Siakantaris.

 

La Misura, das Maß

Die Größe der Werke ist auch wichtig, weil Größe (oder Maßstab) ein ästhetisches Prinzip ist. Biologisch sind wir so programmiert, dass wir uns allen Dingen, die sehr viel kleiner sind als wir, überlegen fühlen, dass wir uns als gleich einschätzen gegenüber allem gleicher Größe, und dass wir uns allem, das deutlich größer ist als wir, unterlegen fühlen. So soll eine überlebensgroße Statue eines Generals auf dem Rücken eines Pferdes hoch oben auf einem Sockel auf dieser erhöhten Ebene auch den Dargestellten erhöhen und dem Betrachter imponieren. Und das funktioniert auch gut. Genau so wie Hermann Melville sagte: Man kann nichts Erhabenes über den Floh schreiben. Er hat ja den weißen Wal stattdessen für sich ausgewählt ("No great and enduring volume can ever be written on the flea, though many there be who have tried it." Moby Dick, Kap. CIV).

 

Wann immer Marios Siakantaris ein großformatiges Werk schafft, begibt er sich auf eine Reise durch die aufgewühlte See unserer biologischen Vergangenheit, erforscht die Wirkung des Naturerbes in uns auf unsere individuelle und gegenwärtige Wahrnehmung. Aus der Spannung zwischen diesen beiden entspringt eine Quelle von Einsicht und Verständnis, und zwar, wenn wir Glück haben, in voller Gänze.

 

Der 38jährige Marios Siakantaris lebt in Athen. Seit  rund 20 Jahren verfolgt er als bildender Künstler seine Arbeit. Viele Installationen sind Auftragsarbeiten für private Sammler.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.mariossiakantaris.com