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Zou Cao – Notizen zur aktuellen Kunst aus dem Reich der Mitte

von Eugenia Hu und  Gerhard Charles Rump 

Zou Cao, 'Peerless Beauty - Marilyn Monroe No 9', 2010. Öl auf Leinwand. 120 x 120 cm.

Foto: (C) & Courtesy Galerie Michael Schultz, Berlin. 

 

Untersuchungen haben ergeben, dass Chinesen, die zu einem großen Teil an ein stabiles soziales Umfeld glauben, eher kollektive Pflichten betonen, wenn man ihre kulturelle Identität untersucht. Im Gegensatz dazu sind zum Beispiel Nordamerikaner, die an eine dynamischere und formbarere soziale Welt glauben, eher (als zum Beispiel Chinesen) geneigt, in einem solchen Zusammenhang die individuelle Freiheit zu betonen. Dennoch spielt die individuelle Identität, die Versicherung des Persönlichen, wie sehr sie auch mit der Tradition verwoben sein mag, eine wichtige Rolle, vor allem auch in der zeitgenössischen Gesellschaft der Volksrepublik China. Künstler neigen dazu, sich an die Spitze sozialer, politischer und kultureller Entwicklungen zu setzen, und so nimmt es nicht wunder, dass eine verstärkte und neu belebte Stärkung der Rolle des Individuellen in der zeitgenössischen chinesischen Kunst von statten geht.

 

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass das alles zusammengeht mit den kollektiven Tendenzen, die im Komplex der kulturellen Identität aktiv sind. So wird die zeitgenössische chinesische Kunst unvermeidlich beide Charakterzüge aufweisen, so wie sie ja auch üblicherweise sowohl traditionell chinesische als auch westliche Bildstrategien anwendet, beide Stile, Motive aus beiden Kulturen. Die Kombination ist unausweichlich nötig, denn die traditionelle Kunst hat nicht die Werkzeuge entwickelt, zeitgenössische Thematik global gültig zu kommentieren, und sie bietet wenig Raum für einen kraftvollen Schwung um eine potente Behauptung der Individualität zu ermöglichen.

 

Wenn Zou Cao seine magentafarbenen oder roten Bildoberflächen mit den Linien einer seinen (realen) Fingerabdrücke öffnend durchbricht, dann ist das sicher ein starkes Betonen des Individuellen. Schließlich sind ja alle Fingerabdrücke einzigartig und man kann mit ihnen die Identität einer Person zweifelsfrei feststellen (wie mit der Iris und der DNS). Das wird auch dadurch nicht aufgehoben, dass Zou Caos Werke oft serieller Natur sind, denn alle haben den gleichen, nämlich Zou Caos Fingerabdruck. Das wiederum ist aber nicht nur eine Konkretisierung des Individuellen, sondern auch ein mächtiges Bildmuster, dessen Serialisierung seine Wichtigkeit unterstreicht und auch dazu dient, den harmonischen Zusammenhang seiner Werke und ihrer Quelle, nämlich sein künstlerisches Bewusstsein aufzuzeigen – ein wichtiger Komplex in der chinesischen Kultur.

 

Die daktyloskopischen Öffnungen in Zou Caos Gemälden eröffnen eine zweite Bildebene, eine die das Gesicht einer normalerweise berühmten Person trägt, sei es Sophie Marceau, Angelina Jolie oder Marilyn Monroe. Das Individuelle erweitert so die Bandbreite des Bildes zum Kollektiven hin, in dem Sinne, dass die sichtbar gemachten Stars Themen kollektiven Wissens und kollektiver Sehnsüchte darstellen, oder sogar, wie bei Marilyn Monroe, echte Ikonen der Pop-Kultur, die praktisch im imaginären Museum eines jeden anzutreffen sind. Diese „kollektiven“ Bilder unterliegen jedoch der individuellen Interpretation des Betrachters. Es wird aber auch gezeigt, dass die individualisierende Durchdringung einer verbergenden Maske in der Lage ist aufzuzeigen, was sich unter der Oberfläche verbirgt, und das ist auch eine Demonstration der Wechselwirkung von Individuellem und Kollektivem. Das Individuelle ist leer ohne das Kollektive, und das Kollektive benötigt das Individuelle, um relevant zu werden. Das ist ein neuer Aspekt in Zou Caos Werk, dass er seine Werke nicht für im engeren Sinne zeitgenössische Schönheiten und Stars (wie etwa Angelina Jolie oder Andy Warhol) öffnet, sondern für den Epochenmythos Norma Jeane Baker, besser bekannt als Marilyn Monroe. Nur ganz wenige Hollywoodstars – wenn überhaupt noch einer – sind zu Idolen von der Potenz und Präsenz von Marilyn Monroe geworden. Sex-Symbol, Star und Idol, der Inbegriff einer Pop-Karriere – jede Bezeichnung, die man wählt, wird wenigstens zum Teil zutreffen. So hebt Zou Cao seinen künstlerischen Gehalt eine Ebene höher – es geht nicht mehr um einen zeitgenössischen Star, eine zeitgenössische Schönheit und die imaginierten Beziehungen zu ihr, seine Monroe-Serie reflektiert, schon durch die Wahl des Motivs, den Starkult an sich. Man muss dabei auch sehen, dass es der Fingerabdruck ist, der den Star sichtbar werden lässt: Die individuelle Interpretation macht das Kollektive lebendig.

 

Dass Zou Cao den großen amerikanischen und damit den großen westlichen Star Marilyn Monroe gewählt hat (so wie er zuvor bekannte Schauspielerinnen auswählte) dient auch als Brückenschlag zwischen Ost und West. Dabei kommt ihm zustatten, dass Marilyn Monroe auch in Asien bekannt ist, wohingegen nur wenige asiatische Stars über universelle Bekanntheit verfügen. Und wenn, dann sind es zumeist Männer, wie Bruce Lee, Jackie Chan und, neuerlich, Sharukh Khan. Keiner aber hatte die Möglichkeit sich entkörperlicht zu einer mächtigen Ikone einer praktisch universellen Popkultur zu entwickeln.  

 

Hierin kommt wohl auch zum Ausdruck, dass für so etwas heute kaum noch Platz ist und dass in diesem Zusammenhang alles auf Andy Warhols berüchtigte 15 Minuten Ruhm zusammenschnurrt: Die Vermehrung der Anzahl von Filmen, Musikstücken und aller anderen Kunstformen, die eine schier endlose Liste möglicher Ikonen liefert, zeigt, dass die Fragmentarisierung der Pop-Welt sich der Vollendung nähert. Das Ergebnis ist, dass die bestehenden Idole gesuchter und wertvoller werden – und historische Bedeutung akkumulieren, ja selbst einen wichtigen Teil der Geschichte verkörpern.

 

Künstler wie Zou Cao machen uns auf solche sich abspielenden Prozesse aufmerksam. Und diese fußen nicht nur auf kollektiven individuellen Entscheidungen, es handelt sich um soziale Konstrukte, die dringend benötigt werden, um das Individuelle mit dem Kollektiven zu versöhnen, die Bilder mit ihren Interpretationen. Auf diese Weise wird die Kunst als solche in das gesellschaftliche Geflecht eingewoben – ein wirksamer Talisman, gleich, ob man es bemerkt oder nicht.

Oben: Zou Cao, 'Andy Warhol', 2010. Öl auf Leinwand. 180 x 140 cm. Foto: (C) & Courtesy Galerie Michael Schultz, Berlin.