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'Kunst, Körper, Kohle' - Immer mehr Menschen wählen Aktmodell als Nebenberuf

von Gerhard Charles Rump

Eduard Maisch (1845-1904), 'Der Maler und sein Modell', 1891. Öl auf Leinwand. 60 x 90 cm.

Als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons. 

 

Jeder kennt sie, aber kaum einer weiß, wer sie sind oder waren: Die Menschen, die Künstlern für Bilder und Skulpturen Modell gestanden haben. Für das Kunstwerk ist es auch meist unerheblich. Aber die Phantasie hat das Thema "Künstler und Modell" schon immer beflügelt - und das ist auch heute noch so, meist schwingt eine erotische Konnotation mit. Das Verhältnis (Akt-)Modell/Künstler hat nur in den Köpfen der Außenstehenden etwas mit Sex und Erotik zu tun. Im Zeichensaal an einer Akademie, Volkshochschule oder im Künstleratelier sieht das ganz anders, nämlich völlig nüchtern aus. Es gibt nichts Unerotischeres als die Situation, in der eine Gruppe mehr oder minder begabter Kunst-Adepten versucht, die nackte Gestalt eines Modells nachvollziehbar auf Papier oder Leinwand zu bringen. Mit schweisstreibender Arbeit und innerer Panik hat es sehr viel mehr zu tun. Und das Modell denkt auch mehr daran, wie lange es so noch stehen kann, ohne einen Krampf zu kriegen... 

 

Academy

Früher war das Aktmodell an der Akademie, die aus guten Gründen dem Aktstudium einen wesentlichen Platz einräumte, fast ausnahmslos männlich. Obwohl die Darstellung des nackten Menschen meistens gleichbedeutend mit seiner künstlerischen Interpretation war (und immer noch ist), war anfänglich selbst den Akademieprofessoren nicht ganz geheuer im Aktsaal: Frauen waren ausgeschlossen. Hingegen gab es früher weibliche Aktmodelle, jedoch seltener als männliche. Noch 1909 wurden an der Düsseldorfer Akademie männliche Modelle für weibliche Bildfiguren benutzt. Schönheit spielte und spielt bei akademischen Aktmodellen keine Rolle. Über das "Instruktive" hinaus gab es, im Gegensatz zu den männlichen "Modell-Atleten" meist nichts, was an den weiblichen Modellen bemerkenswert war - sie waren, wie Alfred Kubin es ausdrückte, "dass Gott erbarm". Und Paul Schultze-Naumburg bemerkte: "Tatsächlich besteht die Kaste der Modelle aus blöd dreinschauenden Geschöpfen mit Dienstmädchengesichtern, selten mit durchaus gutem Wuchs, sondern meist nur teilweise brauchbar ... dabei unsauber, mit fettigem Haar." Wie stark verdinglicht das Künstler-Modell-Verhältnis sein kann, wird hier sehr deutlich. Aber auch heute noch ist es so, dass im künstlerischen Bereich, anders als zumeist im Fotoatelier, eine "gute Figur" nicht Voraussetzung ist - im Gegenteil: Vollschlanke Körper sind durch ihr Mehr an Linien und Modellierung oft künstlerisch viel ergiebiger. Und es gibt auch keine festgelegte Altersbegrenzung. 

 

Carl Schweninger der Jüngere, 'Der Maler und sein Modell', vor 1903. Öl auf Leinwand, 53,8 x 80 cm.

Als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons. 

 

Erotik bleibt privat

Das weibliche Aktmodell war in den privaten Ateliers häufiger - und hier sind auch die privaten erotischen und inspirierenden Verhältnisse zwischen Maler und Modell anzusiedeln, die es durchaus gegeben hat. Die schöne Emma Hart, spätere Lady Hamilton, eine der meistporträtierten Frauen des XVIII. Jahrhunderts, hat eine ganze Reihe von Künstlern beglückt, nicht nur als unbewegt dastehendes Modell. Aber das tat sie auch außerhalb von Ateliers. Um die Jahrhundertwende war das Verhältnis Aktmodell-Künstler oft ausbeuterisch geprägt, ganz eine Widerspiegelung der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse. In der Tat stammte das berufsmäßige (weibliche) Aktmodell bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vorwiegend aus proletarischem und kleinbürgerlichem Milieu, aus Bohème und kleinkriminellen Kreisen. Oftmals waren es auch Prostituierte oder ausgebeutete Halbwüchsige und Kinder - bei der gesellschaftlichen Ablehnung öffentlicher und teilweise sogar privater Nacktheit kein Wunder. Heute wird Nacktheit in der Öffentlichkeit von der Gesellschaft kaum noch abgelehnt und die Situation der Aktmodelle hat sich sehr geändert. Aktmodell sein hat das Anrüchige verloren, schliesslich werden Aktkurse in Volkshochschulen und auch in Freizeiteinrichtungen in kirchlicher (!) Trägerschaft angeboten. Nach wie vor gibt es auch eine grosse Anzahl von Künstlern, die nach dem lebenden Modell arbeiten. In Braunschweig belegten sogar angehende Architekten Aktkurse beim Bildhauer Jürgen Weber, "damit sie lernen, was Proportionen sind".

 

Ein besserer Job als andere

 

Heute stehen Menschen als Akt Modell, um ein Zubrot zu haben. Es ist nur dies, denn die Stundensätze dafür sind nicht sehr hoch und die Arbeit ist körperlich so anstrengend, dass sie auch nicht tagefüllend ausgeübt werden kann. Hier Empirisches: Susanne*, 22 Jahre alt, Studentin, steht häufig Künstlern Modell. Für sie ist die Betätigung als Aktmodell ein "besserer Job als andere, da bekommt man oft bloss zehn oder zwölf Euro die Stunde. Und wenn man sich nicht geniert, ist das OK. Es ist aber auch so, dass ich es nicht ungern tue. Viele sagen, sie würden sich nicht trauen. Dabei habe ich nie irgendwelche Belästigungen erlebt, und ich mache das schon seit vier Jahren im Nebenberuf. Im Hauptberuf kann man davon nicht leben." Susanne wohnt in einer Millionenstadt und hat im Schnitt Buchungen für sechs Stunden in der Woche - macht etwa 120 bis 150 Euro. "Das reicht mir als Zusatzverdienst." Markus* ist angehender Industriekaufmann und ein männliches Aktmodell. Er beschreibt die Besonderheiten der Tätigkeit so: "Für die meisten ist es in Ordnung, wenn sie in die Sauna oder an den FKK-Strand gehen - da sind alle nackt. Als Modell steht man allein ausgezogen anderen Angezogenen gegenüber und wird angeschaut. Das kann nur eine Person sein, meist sind es aber mehrere. Das muss man halt vertragen können - mir ist das gleich. Und wenn mal jemand intensiver schaut - na, stört mich auch weiter nicht. Ich bin noch immer in Ruhe gelassen worden." 

Foto oben: Gerhard Charles Rump, Anonymes Modell. (C) & Courtesy: Gerhard Charles Rump.

 

 

Seltener sind Paare, die Modell stehen, obwohl das bei Künstlern oft sehr gefragt ist. Susanne hat schonmal "eine Freundin von mir mitgenommen, die fand das ganz lustig". Dorrit* (27) und Hans-Peter* (35) machen das fast ausschliesslich zusammen, können dafür auch etwas mehr in der Stunde verlangen. Sie verbinden ihre Vorlieben mit der Nebentätigkeit: "Wir machen das sehr gerne, wir haben Spass dabei. Aber es ist sehr viel schwieriger, als allein Modell zu stehen, da gemeinsame Posen körperlich viel anstrengender sind. Steht man allein, braucht man nur auf sich selbst zu achten, zu zweit kommt mehr dazu: Als Zweiergruppe sieht man oft nur dann gut aus, wenn man Haltungen einnimmt, die spätestens nach zwei Minuten anfangen, wehzutun!"

 

Warum immer Aktmodelle gebraucht werden, schildert der Bildhauer Ernemann Sander aus Königswinter: "Wenn ich plastisch arbeite, arbeite ich nicht nach Modell. Das stört nur. Da gehe ich nach der Vorstellung. Aber die muss, wie ein Akku, immer wieder angereichert werden. Für mich ist Aktzeichnen wichtig, und das gilt auch für die Ausbildung an Akademien, weil es zur konzentrierten Arbeit zwingt. Bei Baum oder Landschaft kann man allerlei machen, beim lebenden Modell nicht. Da geht es wirklich um das genaue Hinsehen und präzise Arbeiten."

Foto oben: Andre Turowski, Akt Paare, CC BY-SA 4.0. 

 

Modelle Gibt es Viele

Bildungsinstitutionen und Künstler haben, weil es auch auf Grund des Wandels in der Beurteilung von Nacktheit in der Gesellschaft, jetzt immer mehr Menschen gibt, die "sich trauen", keine Schwierigkeiten, Modelle zu finden. Allerdings: Die Fluktuation in diesem Nebenberuf ist gross, längere professionelle Bindungen zwischen Künstler und Modell selten. Die Situation, die Ernemann Sander beschreibt, ist typisch: "Die wenigsten können das gut machen. Es gibt einige Naturbegabungen, bei denen "sitzt" jede Bewegung. Da bedauert man dann, dass Modelle kommen und gehen wie Zugvögel." Ausnahmen gibt es wohl nur da, wo ausser der künstlerischen auch eine private "Bindung" ist - die aber den Modell-Status zumeist beendet, es sei denn, es handelt sich um einen so monomanen Künstler wie etwa Dalí, der seine Frau Gala ohne Unterlass konterfeite.

Eugène Durieu, 'Nude Study', MET DP139566, CC0 1.0. 

 

Geld für Arbeit, Geld für Rechte

 

Anders als bei den meisten anderen Tätigkeiten ist die Arbeit als Fotomodell von einer Doppelnatur: Das Honorar gilt zunächst nur für die Arbeitsleistung (ohne dass allerdings ein Arbeitsvertrag zustande kommt, für alle Auslagen wie etwa Sozialversicherung und Steuer ist das Modell, wie alle Freiberufler, selbst verantwortlich). Das sogenannte "Recht am eigenen Bild" aber wird vom Fotografen nicht automatisch mitgekauft. Man kann eine Veröffentlichung ausschließen - was kein Fotograf besonders gernhat, auch Amateure nicht, denn viele träumen davon, mit ihrem Hobby doch noch berühmt zu werden oder wenigstens durch bezahlte Veröffentlichungen so viel Geld einzunehmen, dass sich ihr Hobby finanziell trägt. Das ist jedoch eher ein Dauertraum, denn nur vergleichsweise wenige Aktfotos finden auch Käufer. Es gibt einen Fotokünstler, der laut einem weithin akzeptierten Ranking einen Platz innerhalb der oberen 20 Prozent aller Künstler dieser Welt (gelistet sind ca. 700.000) einnimmt - und verkauft praktisch nichts. Auch ein so bekannter Akt- und Erotik-Fotograf wie der kürzlich verstorbene Uwe Kempen hatte wirtschaftlich stets Probleme mit seiner Lichtbildkunst.

 

Üblich ist die - stets vertragliche - Regelung der Veröffentlichungsrechte, wobei beim eingeschränkten Copyright (seriöse Wettbewerbe, Ausstellungen) zumeist eine Beteiligung von 30 - 50% am Erfolg zu vereinbaren ist. Für das generelle Veröffentlichungsrecht geht das auch, am besten lassen sich die Modelle es sich von Profis aber von vornherein gut honorieren. Dann ist der Verkaufserfolg gleichgültig. 

auch für Männer geeignet

 

Auch als Mann kann man das ziemlich lange machen, denn bei den Fotoamateuren kommt es nicht, wie bei den meisten Herrenmagazinen, auf einen perfekten Body an, denn sie arbeiten eher im "klassischen" Bereich. Da geht es nicht um die detailgenaue Präsentation eines jugendlichen Körpers mit erotischer Wirkung, sondern unter Zurücknahme auch der Persönlichkeit des Modells um ästhetische Inszenierung, bei der eine allgemeine Idee im Vordergrund steht. Auch Männer haben in diesem Bereich gute Chancen, denn Frauen fotografieren mittlerweile gerne Akt. Zwar bevorzugen auch Fotografinnen weibliche Modelle, aber es gibt durchaus auch Interesse an männlichen Aktmodellen. Obwohl Bedarf besteht, gibt es nur wenige Paare, die gemeinsam als Aktmodelle für Fotografie arbeiten. Das ist darin begründet, dass seltener zwei zusammenkommen, für die bei beiden diese Tätigkeit aus körperlichen in Frage kommt. Fotografen, die Akt-Paare ablichten wollen, haben daher eher Schwierigkeiten, geeignete Modelle zu bekommen.

 

Carl van Vechten, Saint. Sebastian (male nude). Photographie.

Als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons. 

 

Fashion

Die meisten professionellen Fotomodelle, die für Mode und Werbung arbeiten, machen keine Aktfotos - einerseits, weil es immer noch zu viele "konservative" Auftraggeber gibt, andererseits weil sie dazu auch nicht immer unbedingt die (körperlichen) Voraussetzungen mitbringen - denn wer die Hüllen fallen lässt, muss schon etwas zu bieten haben. Andererseits wird das, auch auf Grund der bekannten Akt- und Erotikfotos von absoluten Topmodellen wie Cindy Crawford, Kate Moss oder Naomi Campbell oder der Kalenderfotos von Claudia Schiffer nicht mehr so "eng" gesehen. Gleich wie: Die Arbeit als Aktmodell in der Fotografie ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber im Prinzip durchaus seriös.

*: Name geändert

 

Korea.net / Korean Culture and Information Service (Photographer name),

KOCIS Lie SangBong Catwalk Fashion Show London (7689308828), CC BY-SA 2.0.