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Vom Was und vom Wie: Ausstellung von Susanne Scholz in Aachen

und Gedanken dazu von Gerhard Charles Rump

 

Susanne Scholz: Aus der Serie Spiegelungen. Foto (c) & Courtesy: die Künsterin.
Susanne Scholz: Aus der Serie Spiegelungen. Foto (c) & Courtesy: die Künsterin.

 

Wenn man sich auf die Kernaussage beschränkt, fordert Thomas von Aquin (1) vom Kunstwerk ‘integritas’, ‘consonantia’ und ‘claritas’. Die integritas meint die Ganzheit, die consonantia die harmonische Vielfalt und die claritas die Klarheit, den Glanz. Den Glanz der Erkenntnis. Zusätzlich gibt es noch die Bestimmung, dass ‘claritas est quidditas’, dass die Klarheit erscheint, wenn das Ding seine ‘Washeit’, seine Epiphanie, sein ‘Aha’-Erlebnis erreicht. (2) Dieses Begriffsquartett mag zu einem universellen Gerüst des ästhetischen Urteils hergenommen werden, als Reihe von Taxa einer allgemeingültigen Analyse des Ästhetischen. (3) Man wird vielleicht einwenden, dass das möglicherweise möglich ist für alte und akademische Kunst, dass aber die Moderne in ihrem Aufbrechen herkömmlicher Denk- und Wahrnehmungsmuster damit nicht erfasst werden kann. Das ist insofern nicht zutreffend, als die thomistische Philosophie in der ‘Analogia entis’, der ‘Ähnlichkeit des Seienden’, anerkennt, dass das Sein (also auch das Kunstwerk) verschiedene Bedeutungen haben kann, je nach Bezugsrahmen.

Susanne Scholz, 'Adieu', 2018. Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm. Foto (c) & Courtesy: die Künstlerin.
Susanne Scholz, 'Adieu', 2018. Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm. Foto (c) & Courtesy: die Künstlerin.

Es ist daher durchaus kein Widerspruch, wenn man das Fragment und die Skizze, die ja keine simple Ganzheit im Sinne einer sachlichen Geschlossenheit aufweisen müssen – man denke an einen Torso, oder ein unvollendetes Werk – im Sinne einer ‘integritas’ evaluiert, denn wenn es sachlich und motivisch vielleicht (bewusste) Fehlstellen gibt, so wird man sich doch einer ästhetischen Geschlossenheit gegenüber wiederfinden. (4) Diese Verhältnisse ziehen sich durch die Kunstgeschichte bis ins 19. Jahrhundert hinein. So galten zum Beispiel Skizzen und Bozzetti nicht als ‘offizielle’ Kunstwerke, obwohl schon immer von Kennern und Sammlern geschätzt; erst das 19. Jahrhundert schuf die ‘autonome Ölskizze’, die sich selbst genügte und nicht (mehr) darauf angelegt war, Vorlage für etwas Größeres zu sein. (5) Es gilt also, dass Kunst in ihrer Gesamtheit der historischen Gewordenheit bis in die aktuellste Produktion hinein mit dieser Quadriga des ästhetischen Wagenrennens erfasst werden kann.

 

Susanne Scholz, aus der Serie Spiegelungen. Foto (c) & Courtesy: die Künstlerin.
Susanne Scholz, aus der Serie Spiegelungen. Foto (c) & Courtesy: die Künstlerin.

Susanne Scholz, selbst häufiger im historischen Dialog mit Aquinas, hat jüngst eine Reihe Bilder geschaffen, die, sich ihrer Herkunft vergewissernd, auf früher Geschaffenes stützen, aber auch neue Aspekte integrierend, zu neuer claritas gelangen. Es wird oft argumentiert, das es (auch) darauf ankäme, wie etwas gemacht wird, nicht nur um das Was, das verhandelt wird. Also dass die Machart – in der Malerei unter anderem auch Duktus und Faktur – mit entscheidend über den Kunstcharakter und den ästhetischen Wert eines Werkes ist, was ja auch die Anerkenntnis der Virtuosität erst möglich macht. Das ist durchaus richtig. Das sind Eigenschaften, die der consonantia angehören, der harmonischen Vielfalt, der meist sehr gewünschten Mannigfaltigkeit der bildnerischen Elemente. (6)

Susanne Scholz befasst sich motivisch mit dem Wasser in seiner rätselhaftesten Form, nämlich der reflektierenden, verzerrenden, umformenden und verätselnden Oberfläche. Das begreift sie als künstlerische Herausforderung, wobei ihre Werke auf dem Grat zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit wandeln, zwischen Abbild und autonomer Malerei. Das macht die Auseinandersetzung mit ihnen besonders fruchtbar – für Erkenntnisse über und Einsichten in den Gegenstand und die Kunst, gerade so wie bei den späten Seerosenbildern von Monet. Die Bilder von Susanne Scholz haben aber auch eine spirituelle Dimension: ‘Im Spiegel des Wassers erkennst Du Dein Gesicht, im Spiegel Deiner Gedanken erkennst Du Dich selbst.’ (Sprüche 27:19) So gereicht uns ihre Kunst als Welterklärung.

 

Bisweilen stehen gegenständliche Assoziationen klar im Bildfeld, wobei ihr visueller Herrschaftsanspruch jedoch herausgefordert wird: der Gegenstand erscheint nicht als solcher, sondern schon zu einem Abbild umgewandelt, als Reflexion auf dem / im Wasser. Er gerät dadurch in die Abbildungsmodalitäten der thematischen Wasserwiedergabe – die integritas stellt sich als zweigeteilte, janusköpfige heraus, als ein Sowohl-als-auch, referentiell existent im realen Raum (Reflexion; was nicht existiert, kann nicht reflektiert werden) und im virtuellen, als solchen nicht sichtbaren, oder imaginierten Raum, der Realität der Malerei, der Kunst. Wodurch einige Meta-Aspekte aktiviert werden. Ob die Bilder auf einer Meta-Ebene die Reflexion als Kunst-Thema verhandeln, also ob sie die Wasserreflexion nicht nur unter dem Aspekt von imitatio angehen, sondern auch darüber erzählen, wie Kunst damit umgeht, wird nicht entschieden, bleibt aber aktivierbares Potenzial der Gemälde; zumal sie sich stets auch als Gemaltes vorstellen.

 

Susanne Scholz, 'Himmelstau', 2017. Öl auf Leinwand. 160 x 120 cm. Foto (c) & Courtesy: die Künstlerin.
Susanne Scholz, 'Himmelstau', 2017. Öl auf Leinwand. 160 x 120 cm. Foto (c) & Courtesy: die Künstlerin.

Wasserreflexe vs abstraktes System

Der Betrachter wird in der Tat kaum je eine definitive Entscheidung fällen können, ob die Farbformfigur des Wasserreflexion motivisch determiniert ist oder nicht doch auch oder sogar vielmehr künstlerisch, als Spur autonomer Malakte. Gibt es hier eine Wiedergabe von Wasserreflexen oder ist hier ein abstraktes System am Werk, das phänotypisch gewisse Ähnlichkeiten mit Spiegelungen im bewegten Wasser hat? (7) Die Bilder lassen diese Frage bewusst offen. Bei einigen Gemälden (etwa ‘Licht in der Finsternis’) ist nicht ein Objekt Gegenstand der Reflexion (Mehrdeutigkeit intendiert) sondern das (Sonnen-) Licht. Hier wird das Spiel mit den Modi noch weiter getrieben, alles bewegt sich hin auf eine Entmaterialisierung, aber auch auf eine Korrespondenz, wie im Goethe-Wort ‘Wär nicht das Auge sonnenhaft, / die Sonne könnt es nie erblicken.’ (Zahme Xenien III). Hierin liegt der Grund für das Erscheinen der ‘Quidditas’: Die harmonische Mannigfaltigkeit möglicher autonomer Malakte bekommt eine nahezu selbstreflexive Konkretheit, die sich als das ‘Aha’-Erlebnis, die ‘Washeit’ entpuppt. Das bedeutet, dass die segmentierbaren (8) Teile – man kann auch sagen: alle beschreibbaren Teile – des Bildes sich gegenseitig erhellen, was zur ‘Erleuchtung’ führt. Solches kann auf einer eher basalen Ebene stattfinden, bis hinauf zu Meta-Ebenen. Ein Beispiel: Wenn Richard Serra zwei mittelgrosse, schwere, massive, quaderförmige Metallblöcke auf dem Boden platziert und man erkennt, das beide Teile die gleiche Grösse und Form haben, aber einer gestellt ist und der andere gelegt, dann ist die ‘Epiphanie’ eine sehr grundlegende, auf Grundbedingungen ausgerichtete. In die luftigen Höhen der Meta-Ebenen gelangt man, wenn man etwa eine Kathedrale als himmlisches Jerusalem begreift. (9)

Susanne Scholz: 'Mae-Moa', 2011, Öl/Lwd., 160 x 120 cm; 'Meereslicht', 2017, Kohle/Papier, 20 x 42 cm. Fotos (c) & Courtesy: die Künstlerin.

Strukturen

Bei Susanne Scholz, etwa in ‘Himmelstau’, wird die consonantia durch Parallelisierungen in Kombination mit Random-Mustern von Zonen konzentrischer Kreise gebildet, die verraten, dass es sich hier um Regen handelt, der auf eine leicht bewegte Wasserfläche fällt, während gleichzeitig die bildüberspannenden Formen so stark sind, dass das so aufscheinende Muster eine polyzentrische Struktur hervorbringt, die dem Betrachter einen zuweisbaren Ort verweigert (10), ihn ortlos macht und auf sich selbst zurückwirft. Und da wird das Bild epiphanisch, denn das sind genau die Eigenschaften einer als unbegrenzt wahrgenommenen bewegten Wasserfläche, die nach dem Zufallsprinzip des Regens als Gesamtheit aktiviert und akzentuiert wird. Susanne Scholz wirft hier auch die Frage danach auf, wie der Mensch mit seiner Wahrnehmung seine Position gegenüber der Welt und in der Welt findet und modifizieren kann.

 

William Blake hat zurecht gesagt, dass der Weg der Ausschweifung in den Palast der Weisheit führt, so will man den Satz gern für Susanne Scholz anpassen und zuversichtlich behaupten: Der Weg hindurch zwischen Abbild und Abstraktion führt zur Erkenntnis. Die Pole dienen als Scylla und Charybdis, hinter denen Freiheit und Selbstbestimmtheit wohnen.

(1) 1224/5-1274; hauptsächlich in der ‘Summa Theologica’; vgl. Francis Joseph Kovach: Die Ästhetik des Thomas von Aquin: Eine genetische und systematische Analyse; Berlin, de Gruyter 1961; Günther Pöltner: The Beautiful after Thomas Aquinas, in: Theological Aesthetics after von Balthasar, hrsg. v. James Fodor und Oleg V. Sychkov, London: Routledge 2016, S. 50-58.

(2) Dieser Komplex spielt auch in Werk von James Joyce eine herausragende Rolle; vgl. Zack Bowen: Joyce and the Epiphany Concept: A New Approach, in: Journal of Modern Literature 9/1 (1981-1982) 103-114.

(3) So wie es z.B. Walter A. Koch für die Linguistik etabliert hat; vgl. Walter A. Koch: Varia Semiotica, Hildesheim und New York, Olms 1971. Nach Koch besteht eine jede Sprache aus Morphemen, Logemen, Syntaktemen und Textemen, gleich, ob es sich um flektierende, agglutinierende oder isolierende Sprachen handelt. Allerdings muss eine Sprache nicht immer jedes Taxum in der gleichen Art besetzen; vgl. auch Wolfgang Wildgen: Die Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts, Berlin, New York, de Gruyter 2010; vgl. auch das Werk von Josef Pieper, etwa: Hinführung zu Thomas von Aquin. Zwölf Vorlesungen. München, Kösel 1958, und ders., Unaustrinkbares Licht. Das negative Element in der Weltansicht des Thomas von Aquin. München, Kösel 1963.

(4) Vgl. Das Unvollendete als künstlerische Form, hrsg. v. J. A. Schmoll gen. Eisenwerth, Bern und München: Francke, 1959; vgl. auch Roland Kanz: Unvollendete Kunst, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, hrsg, v, Friedrich Jäger, 2014 (http://referenceworks.brillonline.com/entries/enzyklopaedie-der-neuzeit/unvollendete-kunst-a4484000).

(5) Werner Busch: Die autonome Ölskizze in der Landschaftsmalerei – Der wahr- und für wahr genommene Ausschnitt aus Zeit und Raum, in: Pantheon 41/2 (1983) 126-133.

(6) Die ‘Analogia entis’ lässt dann auch etwa Malewitschs ‘Schwarzes Quadrat’ (1915) und Rodschenkos ‘Reine Farbe Rot Gelb Blau’ (1921) zu; vgl. hierzu Michael Langer: Kunst am Nullpunkt. Eine Analyse der Avantgarde im 20. Jahrhundert, Worms, Werner 1984.

(7) Das trieb schon Jasper Johns um: Vgl. Max Imdahl: Is ist a flag, or is it a painting? Über mögliche Konsequenzen der konkreten Kunst. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 31 (1969) 205-232; in gewisser Weise spielen solche Probleme auch bei Streifenbildern eine Rolle, vgl. dazu Bernhard Kerber: Streifenbilder. Zur Unterscheidung ähnlicher Phänomene. In: Wallraf-Richarz-Jahrbuch, 32 (1970) 235-256; die ‘virtual spaces’ oder die virtuelle Realität, die von Computern erstellt werden, haben damit nichts zu tun, sie sind eine reine Gaukelei: Sichtbar, aber nicht real existent.

(8) Die nicht segmentierbaren Teile sind in unterstützender Funktion aktiv; vgl. Gerhard Charles Rump: Schmidt, Joyce und die Suprasegmentalien, in: Interaktionsanalysen, hrsg. v. Gerhard Charles Rump und Wilfried Heindrichs, Hildesheim, Gerstenberg 1982, S. 222-238.

(9) Vgl. Günter Bandmann: Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Berlin, Mann 1951 (ebenso bei Hans Sedlmayr 1948 und 1950 sowie Otto von Simson 1964); vgl. Christoph Baumberger: Gebaute Zeichen: Eine Symboltheorie der Architektur, Heusenstamm, Ontos 2010.

(10) so wie in einigen Bildern (‘CESM’) von Michael Burges; vgl. Gerhard Charles Rump: Painting, Space, and the Mind. (http://www.michaelburges.de/fileadmin/user_upload/Dateien/Texte/Texte%20english/Text%20Englisch%20Rump.pdf).

Daten und Fakten:

Susanne Scholz: Licht, Wasser, Kunst. Galerie Hexagone, Wilhelmstr. 16, 52070 Aachen.

Vernissage: Freitag, 8.2.2019, 19.00h, Dauer der Ausstellung: bis 8.3.2019.

Öffnungszeiten: Mi - Fr 12.30 - 18.00 Uhr, Sa : 12.30 - 15.30 Uhr

Weitere Informationen zur Künstlerin: www.susannescholz-malerei.de