Kunstmarktsünden und Tanz auf dem Vulkan: Impressionen vom Berliner Gallery Weekend

von Gerhard Charles Rump

Cornelia Schleime, 'Die Dame mit Hündchen', 2019. Fotografieselbstinszenierung, übermalt, auf Aludibond. 90,0 x 135,0 cm. (C) & Courtesy: Cornelia Schleime und Galerie Michael Schultz, Berlin.
Cornelia Schleime, 'Die Dame mit Hündchen', 2019. Fotografieselbstinszenierung, übermalt, auf Aludibond. 90,0 x 135,0 cm. (C) & Courtesy: Cornelia Schleime und Galerie Michael Schultz, Berlin.

Pünktlich zum Orthodoxen Osterfest stieg die neueste Ausgabe des Berliner "Gallery Weekend" – eine jener heißgeliebten Veranstaltungen, die den Kunstmarkt periodenweise und sehr intensiv ins Bewusstsein rücken. Die hohe Teilnehmerzahl plus der Satellitenveranstaltungen bringt ein simultanes Kunstangebot hervor, bei dem einem nur eines übrig bleibt: Man muss sich entscheiden, wo man hingeht. Gerhard Charles Rump hat für sich eine Auswahl getroffen. Hier seine Bilanz.

 

Lois Renner bei Marcus Deschler

Bei sommerlichen Temperaturen waren Tausende von Kunstfreunden auf der Walz und fanden sich schon am Donnerstag etwa in der Galerie Marcus Deschler ein, der teils beeindruckend monumentale, aufwendige, Ehrfurcht erweckende neue Werke (meist C-Print-Unikate auf Alu-Dibond) von Lois Renner zeigt (noch bis 15. Juni 2019). Seit zehn Jahren ist dies die erste Schau des Wieners in Berlin. In Renners Arbeiten gehen Fotografie, Realität, Malerei und Gefühle eine unverwechselbare Verbindung ein. Das Thema ist die Rezeption von Malerei in der Gegenwart, ihre Rolle in der komplexen zeitgenössischen Wirklichkeit, die oft durch grandiose Installationen symbolisiert werden, die als Fotografien und Scans Miniaturmodelle des Realen zum Ausgang haben. Bildlich ergibt sich so im Werk selbst ein Diskurs über die Möglichkeiten der künstlerischen Medien und, wegen der historischen Zitate, über Kultur und Zeit und die Natur des ästhetischen Dialogs.

 

Lois Renner, 'Bibi 3000', 2014. C-Print unter Plexiglas. 300 x 360 cm. Foto: (C) und Courtesy: Lois Renner, Galerie Deschler, Berlin
Lois Renner, 'Bibi 3000', 2014. C-Print unter Plexiglas. 300 x 360 cm. Foto: (C) und Courtesy: Lois Renner, Galerie Deschler, Berlin

Rude Rebels – Banksy & Co. im Hotel Mond

Berlin ist eines der Zentren der "Street Art", in der sich Kunst, Gesellschaft und Politik zu ästhetischen Formen sozialer Aussagen verdichten. Das Hotel Mond widmet diesem urbanen Phänomen eine angesagte Ausstellung mit herausragenden Vertretern dieser Kunst. Vertreten sind Arbeiten von Banksy und Keith Haring, von Jean-Michel Basquiat und London Police sowie eine Reihe anderer wichtiger Street Artists wie Paul Insect und Björn Vogel. Diese rebellischen Künstler, die wider alle Stacheln zu löcken (ästhetisch wie politisch) sich aufs Panier geschrieben haben, passen besonders gut in die Hauptstadt, in der sich alle Trends und Brüche, Ideologien und Emotionen im Alltag besonders deutlich zeigen. Es liegt in der Natur des kapitalistischen Marktes, dass er alles schlussendlich in Ware verwandelt, und daher sind solche Werke gesuchte internationale Sammelobjekte. Das tut der Relevanz, sowohl der ästhetischen wie sozialen, keinen Abbruch, denn Wirtschaft ist eine Urform von Kommunikation (frei nach Lévy-Strauss), und jede Kunst braucht diese (bis 31. Mai 2019).

 

Noch mehr Rebellen in der Alten Münze

 

Eine der am meisten beachteten Ausstellungen, zur Vernissage kamen mehr als 700 (!) Menschen, fand mit "The Show of the Gallery Weekend" in der Alten Münze statt, zeitlich parallel zum Gallery Weekend. Rebel Art Management (Helene Bosecker) hatte den Tresorkeller der Alten Münze (jetzt ein Kunst- und Kulturzentrum) in Beschlag genommen und etwa 30 meist jungen Künstlern (nicht nur aus Berlin) ein Forum geboten. Neben meist nicht so traditioneller Malerei gab es vor allem Skulpturen und Installationen zu sehen, die sich durch aussergewöhnliche Einsichtstiefe auszeichnen. So stellte Jan Bernstein (Berlin) einen Shredder auf, der eine große, schmale Papierrolle kontinuierlich in Streifen schnitt, die sich am Fusse des Geräts zu einem Haufen schichteten. Und das Ganze in extremer Zeitlupe, so, dass man diesen Zerstörungsprozess kaum wahrnehmen konnte. Das Ergebnis erst machte auf den Vorgang aufmerksam. Verena Emke baute einen Kunstmarktbeichtstuhl, in dem man seine Kunstmarktsünden beichten konnte und Absolution (in Deutsch und Englisch) vom Band erhielt. Julia Benz lieferte eine "Benzstallation" in mystischem Blau und objekthaftem, aber labyrinthischem Raum von meditativem Adorationsgesang begleitet: eine Art Äquivalent eines Kreuzganges, in dem man sich temporär aus der Hektik des Alltag ausklinken kann. Historisches und Aktuelles mischen sich in der aktuellen Kunst, so etwa in den Post-Pop-Bildern von Kenneth Lekko (Tallinn / Berlin), der Wortbildmarken aus historischen Vorlagen, darunter Menschenopfer der Maya, in zeitgenössischen Kontext bringt und so auch über unheilige Kontinuitäten in der conditio humana reflektiert, oder die dreiste Selbstgefälligkeit aktueller Schlagworte gestalterisch interpretiert. Aus der Richtung ist in Zukunft noch allerlei zu erwarten.

 

Installationsansicht: Julian Benz, 'Benzstallation'. Foto: (C) und Courtesy Gerhard Charles Rump.
Installationsansicht: Julian Benz, 'Benzstallation'. Foto: (C) und Courtesy Gerhard Charles Rump.

Cornelia Schleime und Helge Leiberg bei Michael Schultz

Cornelia Schleime, die zurzeit auf Schloss Detmold bei der Lippischen Gesellschaft für Kunst eV eine grosse Ausstellung hat (bis 12. Mai 2019), präsentiert bei Michael Schultz ganz, auch konzeptionell, neue Arbeiten. In grossen Fotos auf Alu-Dibond mit Übermalung untersucht sie unter dem Motto "Ich beiss doch nicht auf Granit" ihre Existenz in Selbstinszenierungen. Diese gehen weit, weit über das herkömmliche Selbstporträt hinaus und weisen über die Zeiten hinweg konzeptuell auf das späte Rembrandt-Selbstporträt in Kenwood House hin, wo der Künstler sich selbst in Beziehung zur ganzen Welt setzt. Ähnlich geht Cornelia Schleime vor, nur dass sie, von der Situation der Moderne aus, eine stets Erstaunen oder Erschrecken hervorrufende, situative Inszenierung gestaltet, die dann erst wieder eine Verbindung zur Lage des Individuums in der Welt aktiviert. Die Varianten der möglichen, gedachten und erfahrenen Existenz verdichten sich zu einem tiefgründigen Panorama des heutigen Lebens (bis 18. Mai 2019).

 

Cornelia Schleime, 'Medusen', 2019. Fotografieselbstinszenierung, übermalt, auf Aludibond, 135 x 90 cm.  (C) & Courtesy: Cornelia Schleime und Galerie Michael Schultz, Berlin.
Cornelia Schleime, 'Medusen', 2019. Fotografieselbstinszenierung, übermalt, auf Aludibond, 135 x 90 cm. (C) & Courtesy: Cornelia Schleime und Galerie Michael Schultz, Berlin.

Gleich nebenan, bei schultz contemporary, sieht man neue Werke von Helge Leiberg. "Beyond Black" versammelt Skulptur und Papierarbeiten, in denen sein Hauptthema, der dityhrambische Tanz, der Ausdruck der bewegten menschlichen Figur vorwiegend im Dreiklang Schwarz – Rot – Weiss gestaltet wird. Die Figuren sind, dynamisch im Duktus und expressiv in Form und Farbe, immer ganz Ausdrucksfigur, wobei die Gestaltung der Anatomie dem Ausdruck dient, so dass er gleichsam natürlich, wie von selbst aus dem Bilde klingt. So verweist er aber auch auf die Wirkmacht von Bildern, da in der Wirklichkeit eine solche Anatomie nicht auf Akzeptanz stiesse. In seinen Skulpturen versetzt Leiberg das in die dritte Dimension, wobei er Raum und Volumen als Ergebnis und Spur von Bewegung definiert und auf besondere Weise von der Verwandtschaft von Tanz, Skulptur und Architektur kündet, die in der jeweiligen Aktivierung des Raumes begründet ist. Unser Leben ist vielleicht ein Tanz auf dem Vulkan, ja, aber wir tanzen! (Bis 18. Mai 2019).

 

 

INFO:

Galerie Marcus Deschler, Auguststrasse 61, 10117 Berlin, www.deschler-berlin.de

Hotel Mond Fine Arts GmbH, Bleibtreustrasse 17, 10623 Berlin, www. hotel-mond.de

Alte Münze, Molkenmarkt 2, 10179 Berlin, www.theshow-berlin.de

Galerie Michael Schultz / schultz contemporary, Mommensenstrasse 34-36, 10629 Berlin, www.schultzberlin.com