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Witz komm 'raus ...

Von Gerhard Charles Rump

Foto: Banzai Hiroaki, Smile face (3534599415), CC BY 2.0.
Foto: Banzai Hiroaki, Smile face (3534599415), CC BY 2.0.

In Zeiten, in denen Convenience-Produkte Umsatzrekorde feiern und kaum noch jemand zu Hause richtig kocht, boomen die Koch-Sendungen im TV: Nie gab es so viele Fernsehköche wie heute. In Zeiten, in denen die uralte Sprachmagie des Reimes in der hohen Dichtkunst verachtet wird, schleicht sie sich über die viel verbreitetere Popularkultur ins Bewusstsein der Bevölkerung: Rap ohne Reim geht nicht. Beim Poetry Slam, den "Paralympics des Litaraturbetriebs" (laut der auch in Deutschland überaus beliebten schweizerischen Spassmacherin Hazel Brugger ) gilt sogar Prosa als Dichtkunst. Und, gerade bei den "Comedians", Marke "Stand Up", ist Sprache als Material für Witz und Kunst selbstverständlich, dabei oft auch existentiell dialektal verwirklicht, etwa bei Willy Astor ("Gut, ich bin nicht immer auf Reisen, ich bin auch schon mal Dublin" (da(ge)blie(be)m). Wie er schiffen viele auf dem sprachlichen "Kindischen Ozean". Es müsste ja mit dem Teufel zu tun haben, hätte das nicht seine Tradition.

 

In Zeiten nun: Latein ist auf dem Rückzug. Es lebt nur noch in einzelnen Wendungen oder in Fremdwörtern weiter. Eine Anzahl deutscher Wörter lateinischen Ursprungs werden sogar nicht mehr als solche erkannt – im Gegenteil: Zu Recht würde verlacht, wer statt von der "Nase" vom "Gesichtserker", vom "Motor" als vom "Treibling" spräche. Sicher – das Lateinische hängt noch untot am Tropf des Vatikans, man mag aber dabei kaum von einer "lebendigen" Sprache sprechen. Mit dem Verschwinden des Lateinischen verabschieden sich allerdings auch die damit verbundenen Sprachwitze. Das ist schade, denn diese haben selbst jenen Vergnügen bereitet, die unter dem Büffeln der altrömischen Vokabeln eher gelitten haben. Die Witze gibt es in zwei Hauptformen: Einmal vom Typ des "wortwörtlichen" Übersetzens, das allerdings meistens zusätzlich Klangähnlichkeiten mitbenutzt, so wie es auch das als "Lübke-Englisch" bekannt gewordene, unfreiwillig komische Pseudo-Idiom tat: "Equal goes it loose" für "Gleich geht es los" (eine häufige Sprachfalle, in der Phonie/Graphie mit Semantik verwechselt wird). Diese Scherze, sicherlich oft nicht als solche entstanden, trifft man heute noch, wenn auch mit schwankender Tendenz, in technischen Gebrauchsanleitungen für elektrische Kleingeräte (unvergessen: Mike Krügers Verhältnis zu Nippel und Lasche), und es gab sie schon früher natürlich auch für andere Sprachen. So für das Französische: "oeuf, oeuf, que lac je" ("Ei, ei, was See ich"). Zu den bekanntesten Latein- Witzen dieser Art dürfte "Caesar ora una classis Romana" (Caesar Küste eine Flotte Römerin) zählen, wobei es entscheidend war, dass die Klangähnlichkeit der "Küste" mit "küsste" und der "Flotte" mit "flotte" ausgenutzt wurde. In die gleiche Richtung gingen Juxbezeichnungen wie "Ignis quis vir" (Feuer wer Mann) und "Lege lectus et deus pax" (Lies! Bett und Gott Friede).Diese Verquerung der Bildungssprache benutzte gerne auch teutonische Dialekte, um zu ihrem Ziel zu gelangen. "Sed vespere olet ex pedibus" (Aber abends riecht er aus den Füßen) macht nämlich nur dann, wenn auch etwas mühsam, spaßigen Sinn, wenn man es nachlässig bajuwarisch intoniert, da dann der "Oberamtsrichter aus Füssen" aufklingt.

 

Der zweite Haupttyp der Lateinwitze ist der, dass vorgegaukelt wird, es handele sich um Latein, wobei es aber nur danach aussieht. Hierbei werden zumeist die Wortgrenzen zu Täuschungszwecken verwischt: "Datis nepis potus Colonia" erkennt natürlich allenfalls der des Rheinischen Mächtige auf Anhieb: Dat is ne Pis(s)pott us Colonia (gleich Köln). Der wohl schönste Spruch dieser Art aber ist: "Situs vilate in isse tabernit." Er beschreibt nämlich seinen Charakter: Si(eh)t us vi (wie) Latein, isset aber nit. Autoreflexivität ist ein probater Verstärker! Nicht nur deutsche Schüler und Studenten haben sich solchermaßen an der Mutter nicht nur des Italienischen vergangen. Auch die Engländer, die auch einmal eine lebendige Latein-Tradition besaßen, haben ihren Humor in diese Form gegossen. Allerdings unter noch stärkerer Benutzung von Klangähnlichkeiten, vor allem der englischen Aussprache des vorgeblichen Lateins. So macht "Caesar adsum iam forte, Brutus sed passus sum" keinen Sinn. Liest man es aber als Englisch, klingt es wie "Caesar had some jam for tea, Brutus said 'pass us some' (Caesar aß Gelee zum Tee, Brutus sagte, gib mal was her). Die Luxusversion solchen Scherzes vertritt wohl optimal folgendes Opus eines unbekannten Versifikators: "Sebile, sebile, eris ego/Fortibus es in ero./Nobile, nobile thesbe trux/Saevat es inem,/pes an dux!" Englisch gelesen: "See Billy, see Billy, here's a go, forty buses in a row. No Billy, no Billy, these be trucks, see what's in'em: peas and dux." (Schau Willi, schau Willi, da ist was los, 40 Busse in einer Reihe. Nein, Willi, nein, Willi, das sein Lastwagen, kuck was sie drin haben: Erbsen und Enten). Wie man sieht, macht(e) der englische Humor vor nichts halt, auch nicht vor dem Latein.