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Nicht verzagen, sammeln wagen! Die dritte Ausgabe der "art berlin" - Ausgewogen, aber niveauvoll.

Von Gerhard Charles Rump

art berlin 2019, Eingangshalle. Foto: Gerhard Charles Rump.
art berlin 2019, Eingangshalle. Foto: Gerhard Charles Rump.

 

Die "art berlin", die Messe, mit der die "Art Cologne" durch ihre Muttergesellschaft "koelnmesse" ein Standbein in Berlin hat, fand heuer zu dritten Mal statt und zum zweiten Mal in zwei Hangars des weiland ohne Not geschlossenen Flughafens Tempelhof. So charmelos die Location, so hochkarätig die Kunst? "Fast beinah", wie Eugen Roth zu sagen pflegte. Wäre die art berlin ein Diamant, fiele er wohl in die Klassifizierung Farbe G, VSI. Also ganz schön, ohne Bewunderung hervorzurufen. Natürlich gibt es im Angebot der etwa 110 inter- und nationalen Galerien durchaus Möglichkeiten, Entdeckungen zu machen, und glücklicherweise bekommt man schöne und gute Dinge auch schon für niedrige vierstellige Beträge. Auch das für fast jede Messe mittlerweile unverzichtbare Rahmenprogramm kann sich sehen lassen, aber das unterliegende Ostinato ist eher ein "wie gewohnt", neudeutsch "business as usual". Jede Sammlergeneration bekommt halt die Messen, die sie verdient.

 

 

Stand der Galerie Neu (Berlin). Foto: Gerhard Charles Rump.
Stand der Galerie Neu (Berlin). Foto: Gerhard Charles Rump.

Nicht missverstehen: Ein Besuch lohnt auf jeden Fall. An der internationalen Strahlkraft wäre aber noch zu meisseln, wobei die Messe nicht zu sehr wachsen sollte – Overkill à la "Art Basel" braucht's nicht noch einmal. Den gibt es, in gewisser Weise, ohnehin, denn die Messe ist terminlich eingebettet in die "Berlin Art Week", eine Veranstaltung, die einem glauben machen kann, Deutschland wäre wirklich ein Kulturvolk und Berlin eine echte Kunstmetropole.

 

Fragt man danach, wie weit die aktuelle geo-politico-soziale Lage sich in der Kunst auf der art berlin widerspiegelt, kann man sagen: kaum. Und das ist ein Positivum, den angesichts des Katastrophenreigens müsste die Kunst auf der Messe vom Typ John Martin (1779–1854) sein, ein Apokalyptus-Bonbon nach dem anderen. Das hielte niemand aus. Und, da die überindividuellen großen Gefühle in Deutschland noch immer diskreditiert sind, wäre das sicher kontraproduktiv. Ist Ruhe die erste Künstlerpflicht? Mag das liebe Kunst-Land ruhig sein? Kaum zu sagen. Die Kunst auf der Messe ist aber tatsächlich keine YouTube-Version der Gartenlaube. Sie erscheint fast schon unangenehm ausgewogen. Aber: Nur nicht verzagen, sammeln wagen!

 

 

 

Bei Samuelis Baumgarte (Bielefeld) hat's Nachkriegs-Klassiker wie den ZERO-Meister Heinz Mack, aber auch Zeitgenossen wie Hans-Jörg Mayer (Berlin), der die prekäre Lage des modernen urbanen Individuums in nachvollziehbar angemessene Malerei fasst. Bei Michael Schultz (Berlin, Beijing, Seoul) überraschen die neuen, sehr strengen Werke von SEO, die Farbe und Licht, Teilhabe und Ausschluss thematisieren, während Steve Turner aus Los Angeles mit Mariel Capanna und Kenin McNamee-Tweed zwei Künstler präsentiert, die auf jeweils eigene Weise in leisen, aber vernehmlichen Tönen und visuell überraschend, die Problematik der Fragmentarisierung in der Welt von heute untersuchen. Bei Andreas Binder kann man die stetige Weiterentwicklung von Julio Rondo erleben, der mit seinen Farfbflächen-Bildern auf Glas eine ganz eigenständige, der Erkenntnis durch Sehen verpflichtete Stellung markiert. So lange das "business as usual" so niveauvoll ist – Ausreisser nach unten gab es nicht wirklich zu verzeichnen – so lange lohnt es sich für alle.

 

 

Weitere Informationen:

art berlin

 

12.-15. September 2019

 

Flughafen Tempelhof, Hangar 5 & 6

 

Tempelhofer Damm 45

 

12101 Berlin

 

www.artberlinfair.com